Reichelt: 150.000 Abonnenten bei YouTube, neue Shows - und was ist mit Print?

05.09.2022
 

"An diesem Wochenende haben wir die 150.000 Abonnenten hier bei YouTube geknackt - wir sind überwältigt über den Zuspruch!", verkündet Julian Reichelt auf seinem Kanal "Achtung, Reichelt!". In einer Fragerunde sagt er, ob er ein Print-Comeback anstrebt. Auch mit der NZZ hat Reichelt gesprochen - über ein "Superstar-Modell", das die Medienwelt verändern werde.

"Wir haben jetzt mit 'Achtung, Reichelt!' angefangen. Wir wollen tatsächlich weitere Shows aufbauen. Und diese Shows sollen - abgesehen von den Plattformen - auch ein eigenes Zuhause, also eine eigene Website bekommen", kündigt Julian Reichelt auf YouTube an. Die neuen Formate sollen nicht unter dem Namen 'Achtung, Reichelt', sondern unter einer Dachmarke laufen. Näheres will der Ex-Bild-Chefredakteur zu gegebenem Zeitpunkt bekannt geben. "Daran arbeiten wir gerade, das ist nicht mehr weit weg. Einige Wochen noch." Und Reichelt hofft, dort ein ähnlich "explosionsartiges Wachstum" zu erreichen wie auf seinem YouTube-Kanal, der Anfang Juli gestartet ist.

Reichelt antwortet in der Fragerunde mit den Abonnenten auch darauf, ob es Pläne für etwas im Printbereich gebe. Er liebe Print, ich habe mein Leben lang Zeitung gemacht, von der Schülerzeitung bis zur Bild-Zeitung, sagt Reichelt. Zeitung sei etwas magisches, ein abgeschlossenes, tägliches Produkt. Aber trotzdem müsse er sagen, "dass Zeitung nicht mehr unser Geschäft sein wird". "Achtung, Reichelt!" und die neuen, geplanten Formate werden nicht mehr auf Papier stattfinden, so die klare Botschaft. Als Gründe nennt er die hohen Papierpreise, die hohen Verteilungskosten, die hohen Energiepreise. All dies mache es unmöglich, eine erfolgreiche Zeitung zu gründen. Dies sei zu viel Energie für zu wenig Reichweite, rechnet Reichelt vor. "Ich halte Zeitung zwar für ein wunderschönes Modell, aber nicht mehr für ein nachhaltiges Modell, um große Reichweiten zu erreichen. Und wir wollen große Reichweiten."

Ein Thema in großen Zeitungen wird Reichelt aber weiterhin bleiben. Aktuell berichtet die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Feuilleton über den ehemaligen Springer-Journalisten:

"Anfangs wurde Reichelt verlacht, weil seine Videos kaum jemand sehen wollte. Jetzt, da sein Kanal auf Youtube 150 000 Abonnenten zählt und die erfolgreichsten Videos bis zu 400 000 Zuschauer erreichen, scheint kein Vergleich mehr zu überzogen, um vor ihm zu warnen. Deutsche Medien setzen ihn mit Tucker Carlson gleich, dem trumpistischen Einpeitscher von Fox News. Oder mit Karl-Eduard von Schnitzler alias Sudel-Ede, dem Chefpropagandisten der DDR-Diktatur. Oder mit dem Blogger Alex Jones, der unter anderem behauptet hat, das Schulmassaker von Newton sei inszeniert worden. Man nennt ihn Untergangsprophet und Rechtspopulist, wirft ihm vor, "Hass-Videos" und Desinformation zu verbreiten, um ein "verschwörungsideologisches Milieu" zu bedienen."

Weiter schreibt Lucien Scherrer in der NZZ: "Diese Beschwörungen sagen zunächst wenig über 'Achtung, Reichelt!' aus, aber einiges über die Absender. Denn sie basieren bis jetzt meist auf pauschalen Vorwürfen, zum Teil erfundenen Zitaten und den Urteilen der immer gleichen 'Experten'. Aber sie zeigen, welche Macht dem Journalisten Reichelt wieder zugeschrieben wird. Dabei schien der 42-Jährige noch vor wenigen Monaten am Ende zu sein."

Auf die Reichweite von "Achtung, Reichelt" angesprochen, sagt Reichelt zur NZZ: "Die Zahlen sind totaler Wahnsinn, wir haben keinen Cent für Marketing ausgegeben, aber eine extrem entschlossene Unterstützerschaft."

Springer, so versichert Reichelt gegenüber der NZZ, sei für ihn kein Gegner. Aber er glaube, dass es in Deutschland neben "Bild" Platz gebe für eine zweite emotionale Medienmarke. Zielpublikum ist laut Reichelt das "Friedrich-Merz-Deutschland", also jene Mehrheit, die im letzten Herbst nicht links gewählt, "aber die linkste Regierung in der Geschichte der Bundesrepublik erhalten hat". Leute, die sich über hohe Strompreise ärgern und pöbelnde Männergruppen in Freibädern nicht als Bereicherung empfinden.

Um sein Publikum bei Laune zu halten, will Reichelt "menschliche Medienmarken" aufbauen, "die den Leuten aus dem Herzen sprechen". Die Medienkonsumenten wünschten keine Komplettzeitungen mehr, wo sie für Sport und anderes mitbezahlten. Sie wollten Superstars, die ihre eigene Meinung bestätigten.

Die Hinwendung zum "Superstar-Modell", so ist Reichelt überzeugt, werde die Medienwelt noch stärker verändern als die Digitalisierung.

Zur Person: Julian Reichelts Journalistenlaufbahn startete 2002 mit einem Volontariat bei Bild, er durchlief die Journalistenausbildung der Axel-Springer-Akademie. Reichelt berichtete für Bild u.a. aus Afghanistan, Georgien, Thailand, dem Irak, Sudan und Libanon, teilweise als Kriegsberichterstatter. 2007 wurde er Chefreporter. Ab Februar 2014 war er als Nachfolger von Manfred Hart Chefredakteur von Bild.de. Nachdem Gesamtherausgeber Kai Diekmann Axel Springer zum 31. Januar 2017 verlassen hatte, übernahm Reichelt den Vorsitz der Chefredaktionen und damit die redaktionelle Gesamtverantwortung für die Bild-Zeitung. Axel Springer beendete am 18. Oktober 2021 die Zusammenarbeit mit Reichelt.

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