Überlastet und erschöpft: 6 Praxistipps, die Medienprofis jetzt weiterhelfen

 

Tägliche Herausforderungen, viele Abwesenheiten und ein sorgenvoller Blick in die Zukunft: Zahlreiche Medienprofis sind überlastet und erschöpft, zudem wenig zuversichtlich, dass es bald wieder besser wird. Mediencoach Attila Albert gibt sechs praktische Tipps, die Ihren Alltag erleichtern.

Schon seit Frühsommer hat sich in vielen Redaktionen etwas spürbar verändert, so stark wie zuletzt wohl im Coronasommer 2020: Eine große Zahl von Medienprofis hat sich krankschreiben lassen oder für Elternzeiten, Kurse oder Sabbaticals abgemeldet, oft absehbar ohne Rückkehr. Nicht selten sind sogar parallele Abwesenheiten auf derselben Ebene. Automatisierte E-Mails und Mailboxen verweisen dort nur noch aufeinander. Andere Kollegen sind für Aktuelles - Corona, Ukraine, Energiekrise - abgezogen und fehlen in ihren Ressorts. Dazu die Ferienabwesenheiten und auffällig viele eigene Kündigungen.

So ist es kein Wunder, dass sich die Verbliebenen überlastet und erschöpft fühlen, zudem wenig zuversichtlich sind, dass es bald wieder leichter wird. Gleichzeitig blicken diejenigen Medienprofis, die sich dem entziehen konnten oder gehen mussten, aber noch keine neue Stelle haben, mit Sorge in ihre eigene Zukunft: Wie soll es weitergehen? Vielleicht sitzen sie offiziell krankgeschrieben zu Hause, wollen aber auf keinen Fall zurück in die Redaktion. Schnelle Lösungen gibt es meist nicht, aber immer die Möglichkeit, sich das Leben zumindest ein wenig zu erleichtern. Dafür heute sechs praktische Tipps.

1. Eigene Grenzen erkennen und ziehen

Grundsätzlich ist es nicht Ihre Pflicht, dauerhaft die umzureichende Personalausstattung und -führung Ihres Arbeitgebers auszugleichen. Gleichzeitig gibt es aber den Druck dazu. Das hilft: Trotz allem aktiv an Alternativen arbeiten, schon eine Stunde pro Woche dafür bringt Sie weiter. Bewerben Sie sich mehrmals monatlich, pflegen Sie Kontakte, zeigen Sie sich (Konferenzen, LinkedIn, Webseite, Veranstaltungen). Der Vorteil: Sie fühlen sich nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern motiviert und ermutigt, gewisse Zustände nicht mehr hinzunehmen. Tipp: Vorsicht bei Weiterbildungen als vermeintlichen Ausweg. Definieren Sie zuerst Ihr Ziel und danach, ob und welche Kurse, Zertifikate etc. dafür sinnvoll wären.

2. Projektmanagement auch privat nutzen

Wer überlastet ist, hat oft vage Ideen und schuldbewusste Vorsätze ("Ich müsste unbedingt mal ..."), ist aber zu zerfahren und müde, um sie umzusetzen. Das hilft: Nutzen Sie auch privat eine Projektmanagement-Anwendung wie Asana oder Monday. Notieren Sie dort alles, was Ihnen einfällt. Ordnen Sie anschließend nach Wichtigkeit und Reihenfolge. Der Vorteil: Was Sie so niedergelegt haben, geht Ihnen nicht mehr ständig durch den Kopf. Haben Sie erst einmal einen Überblick, unterscheiden Sie zudem leichter, was aktuell umsetzbar ist und was warten muss. Tipp: Eine halbe Stunde pro Woche fest im Kalender einplanen, um Ihre Projekte fortlaufend zu ergänzen, zu aktualisieren und zu bereinigen.

3. Anwendungen und Werkzeuge reduzieren

Über die Jahre kommen immer neue Anwendungen für die Kommunikation, Unterhaltung, Datenspeicherung und Planung dazu. Das macht es auf Dauer unübersichtlich und lenkt ab. Das hilft: Ein- bis zweimal jährlich aufräumen, so wieder vereinfachen. Fassen Sie ähnliche Aufgaben in einer Anwendung zusammen, exportieren Sie alle Daten dorthin. Löschen Sie überflüssige Nutzerkonten und Anwendungen. Der Vorteil: Sie reduzieren den Pflege- und Zeitbedarf, auch damit verbundene Benachrichtigungen und Updates. Tipp: Auf wenige Anbieter konzentrieren, deren Angebote Ihren Bedarf schon weitgehend abdecken.

(Wenn es Ihnen schwerfällt, sich für die passende Anwendung zu entscheiden oder sich anschließend gedanklich zu ordnen, schreiben Sie mir gern Ihre Frage dazu.)

4. Wochenplan für alle Lebensbereiche

In herausfordernden Zeiten ist die Versuchung groß, sich ganz auf die Arbeit und privaten Verpflichtungen zu konzentrieren. Auf Dauer erschöpfen Sie sich so allerdings. Das hilft: Legen Sie sich einen Wochenplan an (z. B. als Google-Tabelle oder in Excel). Planen Sie in 15-Minuten-Schritten für alle Lebensbereiche, z. B. auch Partner und Familie, Sport, Hobby, Freunde. Der Vorteil: Sie füllen Ihre Woche nicht mehr nur mit Pflichten, sondern setzen auch Erholung, Spaß und Lebensfreude dagegen. Tipp: Die Lebensbereiche farbig unterschiedlich markieren. So sehen Sie sofort, was über- oder unterrepräsentiert ist.

5. Erholungszeiten und -rituale im Alltag

Wer sein Leben vor allem als Abfolge von ständiger Überlastung und kurzen Ablenkungen (Wellness, Urlaub) geführt hat, tut sich schon seit 2020 schwer damit. Auf lange Sicht ist der Erholungseffekt zu gering, Sie brennen aus. Das hilft: Kurze Erholungszeiten und -rituale in der laufenden Woche, am besten täglich. 10-15 Minuten (z. B. Morgenandacht, Tagebuch, Abendspaziergang) und ein freier, ruhiger Sonntag erholen und stärken Sie bereits enorm. Der Vorteil: Sie regenerieren sich fortlaufend, überstehen so auch längere Belastungen gut. Tipp: Anleitungen dafür finden Sie in meinem Buch "9 Wahrheiten, die dich durchs Leben tragen".

6. Eine positive Zukunftsvision entwickeln

In schwierigen Zeiten kann sich ein düsterer Tunnelblick einschleichen: Sie sehen nur noch die Probleme des Alltags und die Sorgen der Zukunft. Das hilft: Entwickeln Sie eine positive Zukunftsvision als motivierendes eigenes Ziel. Wo wollen Sie hin, was ist Ihnen wichtig? Aufschreiben oder als Collage visualisieren (Lieblingsmotive als Fotos in eine Powerpoint oder in ein Word-Dokument). Der Vorteil: Sie sehen wiederkehrende Motive und damit Ihre Wünsche klarer, setzen so leichter Prioritäten bei Ihren Entscheidungen. Tipp: Ausdrucken und aufhängen oder als Rechner-Hintergrund einrichten - als tägliche Erinnerung.

Veränderungen, die das berufliche oder private Leben verbessern, ergeben sich immer aus einer Kombination von drei Schritten: Gedankliche Reflexion, Entscheidungen für Ihre Ziele und praktische, konsequente Schritte, die Sie dorthin führen. Je nach aktueller Verfassung und Lage wird Ihnen manches davon leichter fallen als anderes. Aber selbst in schwierigen Zeiten ist das möglich, vielleicht nur langsamer und anfangs bescheidener als sonst. Was bedeutet: Sie sind den Umständen und anderen Menschen auch jetzt nicht ganz ausgeliefert. Andere haben es vor Ihnen geschafft, Sie können das auch.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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Julia Bönisch baut jetzt das Geschäft bei der Stiftung Warentest um. Wie sie die Transformation durchzieht und wie ihr die Erkenntnisse aus der schwierigen Zeit als Chefredakteurin der SZ dabei helfen.

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