Kann Spiegel-Chef Steffen Klusmann über Bully Herbigs Relotius-Film eigentlich lachen?

23.09.2022
 

Michael Bully Herbig hat den Fall Relotius als fiktive Mediensatire "Tausend Zeilen" verfilmt. Im Gespräch mit Steffen Klusmann und Stefan Kuzmany vom Spiegel gibt es vertauschte Rollen. Bully Herbig befragt die Journalisten - und diese antworten offenherzig.

Der Regisseur und Comedystar Michael Bully Herbig (54) hat den Spiegel-Journalisten Steffen Klusmann (Chefredakteur) und Stefan Kuzmany (Kultur-Ressortleiter) in einem "Pressegespräch" auf den Zahn gefühlt. Bully Herbig fragt Klusmann und Kuzmany, wie sie seinen neuen Film "Tausend Zeilen" über den Fälscher-Skandal beim Spiegel fanden. Klusmann antwortet: 

"Sagen wir mal so: Wenn ich nicht Chefredakteur des Spiegel wäre, hätte ich noch herzlicher gelacht. Aber so musste ich die ganze Zeit daran denken, wie der Film nach außen wirkt. Aus der Rolle komme ich nicht heraus."  

Klusmann sagt, seine Lieblingsszene sei gewesen, als der Reporter Juan Romero eines seiner Kinder im Bus vergessen habe. Klusmann habe den echten Juan Moreno danach angerufen und gefragt, ob das wirklich so gewesen sei. Moreno habe beteuert, dass das natürlich erfunden sei. "Glaubst du, so was passiert mir? Meine Frau würde mich umbringen", zitiert Klusmann Moreno, der den Betrug seines Kollegen Claas Relotius aufdeckte. 

Spiegel-Kulturchef Stefan Kuzmany mochte in Bully Herbigs Mediensatire die Redaktionskonferenzen: "Die erleben wir jeden Tag, das konnte ich gut abgleichen. Die dargestellten Eitelkeiten waren nicht ganz fremd."

Herbig erklärt in dem Gespräch, dass er den Stoff besonders spannend fand, weil er relevant sei und in eine sehr fragile Zeit falle, in der einige der Presse ohnehin schon sehr kritisch gegenüberstünden. "Dann passiert ein solcher Skandal auch noch beim seriösesten Nachrichtenmagazin Europas. Das hat eine enorme Fallhöhe, David-gegen-Goliath-Geschichte inklusive. Für mich war sofort klar: Das ist Unterhaltung, da steckt Satire drin, aber eben nicht nur."

Der "Taunsend Zeilen"-Regisseur verrät, dass er Journalisten schon seit Jahren "beobachte", auch wenn sie mit ihm Interviews führten. "Ich bilde mir sogar ein, mittlerweile schon am Gang zu erkennen, ob jemand vom Feuilleton ist."

Kuzmany fragt Bully Herbig, ob sein Film denn auch als eine Liebeserklärung an den seriösen Journalismus zu verstehen sei. Der Filmemacher bejaht das. Er habe sich ziemlich konsequent nach dem Buch von Juan Moreno gerichtet, er erzähle den Film ja aus dessen Perspektive.

Klusmann betont bei Herbigs Ausführungen, dass er Moreno sehr dankbar sei, und er erinnert sich an seinen ersten Arbeitstag als Spiegel-Chefredakteur: "Man steckt so im Krisenmodus, dass man gar nicht mehr viel fühlt, sondern nur noch versucht zu funktionieren. Wir haben dann schnell eine Kommission eingesetzt, die den Betrugsfall unabhängig aufgearbeitet und einen Bericht erstellt hat. Den haben wir dann veröffentlicht. War ziemlich niederschmetternd, aber auch reinigend." Klusmann ist erst nach dem Vorfall Chefredakteur geworden.

Überraschend für Medienprofis ist wohl, dass viele offenbar von dem Relotius-Skandal gar nichts mitbekommen haben. Herbig verweist darauf, eine Marktforschung in Auftrag gegeben zu haben. Bei der kam heraus, dass etwa 70 Prozent der Befragten von dem Fall noch nie gehört hatten. Das sei für den Film schön, weil diese nicht wüssten, wie er ausginge.

Kuzmany fragt Herbig, ob Claas Relotius versucht habe, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Herbig verneint das nicht, stellt aber klar: "Ich habe das allerdings von Anfang an ausgeschlossen. Ich wollte mich auf das Buch von Juan Moreno konzentrieren, seine Sichtweise, seine Geschichte, denn dafür hatten wir die Verfilmungsrechte. Zudem hatte ich Sorge, dass der Stoff verwässert wird, wenn ich mit Relotius rede, weil man als Erzähler in einen Zwiespalt gerät. Ich wollte gar nichts anderes hören als das, was mir Juan Moreno erzählt hat. Wenn Claas Relotius ein Buch schreibt, kann das ja ein anderer verfilmen."

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