Der Winter naht: Zwischen Springer und Reichelt wird es immer frostiger

 

Rund ein Jahr nach dem Rauswurf von Julian Reichelt durch Mathias Döpfner mehren sich die Spannungen. Der CEO bezichtigt seinen Ex-Chefredakteur der Lüge, dabei braucht er ihn womöglich, um eine Klage in den USA abzuwehren. Markus Wiegand berichtet in kress pro.

Auszug aus dem aktuellen kress pro - Magazin für Führungskräfte in Medien:

Nach den juristischen Schritten einer Ex-Geliebten in den USA ist die Gefechtslage in der Reichelt-Affäre etwas unübersichtlich geworden. Die Vorwürfe gegen Springer sind happig. Die ehemalige Mitarbeiterin breitet den von ihr so empfundenen Machtmissbrauch in allen Details aus und wirft Axel Springer vor, nichts dagegen unternommmen zu haben.

Julian Reichelt hat die Vorwürfe wie immer scharf zurückgewiesen. Der "Zeit" sagte er, es gebe umfangreiche Korrespondenz, die belege, dass die Frau ihrerseits den Kontakt und die Nähe gesucht habe. Chatprotokolle, die "kress pro" vorliegen, erwecken ebenfalls diesen Anschein.

Reichelt verfügt also vermutlich über Material, das Springer bei einem möglichen Prozess in den USA helfen könnte. Es ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich, dass der Ex-"Bild"-Chef geneigt ist, das Material mit seinem Ex-Arbeitgeber zu teilen. Das Verhältnis von Reichelt zu Axel Springer ist seit dem Rauswurf zerrüttet. Und die Spannungen haben zuletzt weiter zugenommen. 

So befragte das Unternehmen in den vergangenen Monaten verschiedene "Bild"-Mitarbeiter, heißt es in Redaktionskreisen. Der Hintergrund: Reichelts Abgangsvereinbarung enthält eine Klausel, die ihm verbietet, Mitarbeiter bei "Bild" abzuwerben. Wenn Springer ihm nachweisen kann, dass er dagegen verstoßen hat, könnte das unangenehm werden. Denn offenbar bekommt der "Bild"-Chef immer noch Zahlungen seines Ex-Arbeitgebers. Allerdings dürfte es vermutlich nicht ganz leicht sein, Reichelt einen Verstoß gegen ein etwaiges Wettbewerbsverbot nachzuweisen, denn schließlich hat er immer noch eine Reihe von privaten Kontakten in die Redaktion, die über Jahre auch sein persönliches Umfeld war. Einigen in der "Bild"-Mannschaft ist sauer aufgestoßen, dass sie oder Kollegen befragt wurden, um Munition gegen den ehemaligen Chef zu sammeln.

Auf einem zweiten Feld hat Springer ebenfalls die Gangart verschärft. Zur Erinnerung: Springer hatte im vergangenen Herbst erklärt, dass Reichelt gehen musste, weil er auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens Privates und Berufliches nicht klar getrennt habe und "dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat".

Reichelt hatte diese Darstellung in einem großen Interview in der "Zeit" im Dezember scharf zurückgewiesen und CEO Mathias Döpfner unterstellt, im Zusammenhang mit seiner Entlassung nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Der Vorstand sei über seine neue Beziehung zu einer "Bild"-Mitarbeiterin informiert gewesen, sagte der Ex-"Bild"-Chef. Er habe "nicht gelogen".

Seltsam war schon damals, dass Döpfner und Springer sich die harten Vorwürfe einfach so gefallen ließen. Schließlich gibt es bei Abgängen wie dem von Reichelt in der Regel Verschwiegenheitspflichten, an die sich die Geschassten halten, weil sie ihre Abfindung nicht riskieren wollen. Schmutzige Wäsche zu waschen, kann teuer werden. Im Fall von Reichelt dürfte es geschätzt um eine deutlich siebenstellige Summe gehen, da der Vertrag vermutlich noch eine beträchtliche Restlaufzeit hatte. Seit dem vergangenen Jahr haben sich weder Döpfner noch Reichelt weiter zu ihren unterschiedlichen Darstellungen geäußert.

In einem Porträt der "Washington Post" von Anfang September allerdings sagte der Springer-CEO jetzt, Reichelt habe ihm im Frühjahr 2021 sein Wort gegeben, dass er sein Verhalten geändert habe. "Es stellte sich jedoch heraus, dass er die Führungskräfte und mich wiederholt belogen hat", sagte Döpfner.

Ein klassischer Fall von Aussage gegen Aussage. "Bild" würde fragen: Wer lügt hier?

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