Julia Jäkel über Intendantengehälter und Springer-Kampagnen gegen die ARD

06.10.2022
 

Die Medienmanagerin Julia Jäkel, früher Chefin von Gruner + Jahr, streitet sich mit WDR-Intendant Tom Buhrow in der aktuellen "Zeit" über die Frage: Wie saniert man ARD und ZDF? Was Jäkel vorschlägt - und was sie zur aufgeregten Debatte um die Intendantengehälter sagt.

Nach der RBB-Affäre ist Tom Buhrow als ARD-Vorsitzender Krisenmanager. "Es ist nicht so, dass wir erst anfangen. Die Sender und die ARD insgesamt reformieren sich seit Jahren. Aber die grundsätzlichen Fragen werden seit Jahrzehnten im Vierjahreszyklus zwischen Politik und Sendern hin und her geschoben", sagt Buhrow im Streigespräch mit Julia Jäkel in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit

Jäkel findet genau das unbefriedigend: "ARD und ZDF zeigen auf die Politik und sagen: Die Politik muss sich bewegen. Die Politik zeigt zurück und sagt: Warum reformiert ihr euch nicht? Niemand geht nach vorne, auch Sie nicht. Dabei würde ich mir von Ihnen eine grundlegende Idee wünschen, wie die Öffentlich-Rechtlichen aus dieser Krise kommen", sagt die ehemalige CEO von Gruner + Jahr zu Buhrow.

Die Krise des Öffentlich-Rechtlichen findet Jäkel fundamental. Es gehe doch nicht nur um die Höhe der Gebühren, sondern darum: "Wird mit dem Geld ordentlich umgegangen? Werden die Anstalten so geführt und wird dort so gearbeitet, wie es einer modernen Gesellschaft angemessen ist? Es liegen doch so viele Fragen in der Luft, über die die Gesellschaft frisches, wirklich offenes Nachdenken verlangt", sagt Jäkel in dem von den Zeit-Journalisten Cathrin Gilbert und Martin Machowecz geführten Interview.

Und Jäkel liefert weitere, konkrete Fragen:

"21 Fernsehprogramme und 73 Hörfunkwellen, braucht man die wirklich alle? Warum nutzt man nicht Deutschlandradio Kultur als Mantelprogramm für die regionalen Kulturprogramme? Wozu sieben Infowellen? Warum bilden die regionalen Funkhäuser nicht Kompetenzschwerpunkte, sondern halten Strukturen doppelt vor?" Spätestens bei der Zusammenlegung der Mediatheken von ARD und ZDF werde die Fülle an programmatischen Überschneidungen für jeden sichtbar. Aber genauso wichtig seien die Fragen: "Was wollen wir behalten, stärken? Etwa die Reporter vor Ort oder eine klare regionale Verankerung? Nichts davon weiß ich besser, aber es verlangt Befassung."

Für Tom Buhrow sind solche grundsätzlichen Fragen legitim. Die Vorgaben der Politik begrenzten die Debatte aber: "Die ist es, die uns den Auftrag erteilt." Wenn man das ändern wolle, müsse man die Debatte darüber ehrlich in der Gesellschaft führen und sich fragen: Was wollen wir in Zukunft vom Öffentlich-Rechtlichen und was nicht mehr? Wenn dann dabei rauskomme, dass es weniger Sender geben solle, brauche es einen breiten Konsens, und die Politik müsse die Entscheidung treffen, betont Buhrow.

Jäkel meint daraufhin, dass Buhrow es sich zu einfach mache und dass er sich als Intendant miniaturisiere.

Buhrow kontert: "Gar nicht. Wenn ich in den Landtagen die Forderung nach Verkleinerung höre, dann frage ich immer zurück: 'Auf welche Welle von Ihrer Landesrundfunkanstalt wollen Sie verzichten?' Dann schallt es einem empört entgegen: 'Auf gar keine!'"

Jäkel meldet im Streitgespräch in der Zeit einen "Einspruch" an: Die Welt habe sich doch fundamental verändert, die Krisen seien größer, die Lösungsversuche mutiger. Sie nennt ein Beispiel: "Wir waren abhängig von russischem Gas. Was haben wir nach Russlands Angriff auf die Ukraine getan? In kürzester Zeit die Gasspeicher irgendwie aufgefüllt, indem wir das Gas woanders besorgt haben. Weil wir es unbedingt wollten. Diesen Geist meine ich." Kai Gniffke, Intendant des SWR, habe auf einer Pressekonferenz gesagt, man müsse in den nächsten Jahren darüber sprechen, ob es ein gemeinsames Mantelprogramm für die Dritten geben solle. "In den nächsten Jahren? Erst? Wir müssen jetzt all diese Frage stellen: Auch, wie wertvoll sind uns kleinere Sender, die sich nicht selbst tragen?", so Jäkel.

Buhrow bekräftigt, dass man doch nicht auf den Händen sitze und nichts tue. Man spare in der ARD bis 2028 knapp eine Milliarde Euro ein. Man habe vor allem in Verwaltung und Produktion gekürzt, das Programm so weit es gehe geschont. Und man werde diesen Reformkurs fortsetzen. "Aber wer uns noch schlanker haben will, muss sagen, worauf man verzichten will", so die Botschaft des ARD-Vorsitzenden.

Im Zeit-Interview geht euch um die "Aufregung über die Intendantengehälter" - so liege Tom Buhrow mit über 400.000 Euro pro Jahr über dem Bundeskanzler. An diesem Punkt "verteidigt" Jäkel den Intendanten:

"Ich finde, dieser Teil der Debatte geht am Problem vorbei. Transparenz und klare Kriterien müssen erzeugt werden. Aber zu fordern, das Gehaltsniveau zu senken, ist populistisch. Wichtiger ist die Frage: Wie mache ich dieses so geschlossene System durchlässiger? Für Talente mit anderen Erfahrungshintergründen als den Öffentlich-Rechtlichen. Nicht weil es die Privaten automatisch besser können, sondern weil andere Perspektiven so wichtig sind, um gut zu arbeiten."

Vielleicht müsse man klarer definieren, was die Kriterien für das Spitzenpersonal zukünftig seien, so Jäkel. "Mut und Managementerfahrung sollten zum Anforderungsprofil gehören. Mehr als das Bespielen von Gremien über Jahre."

Jäkel kommt es so vor, als würde sich der ARD-Vorsitzende auch im Zuge der RBB-Affäre gerade neue Fesseln anlegen. Sie fragt Buhrow ganz direkt:

"Warum trauen Sie sich nicht raus aus dieser Verzagtheit? Warum macht sich die ARD in dieser Krise so klein? Wenn Sie nicht aus diesem reaktiven Modus rauskommen, geben andere den Rahmen für Diskussionen vor. Wer wehrt sich, wenn Springer-Zeitungen Kampagnen fahren? Wo ist die intellektuelle Speerspitze einer Reformbewegung? Nutzen doch Sie den Gestaltungsraum und die Energie der vielen Reformwilligen in Ihren Sendern."

Buhrow sagt, er sei mit Jäkel "total d'accord". Aber er unterstreicht noch mal: "Für große, weiter gehende Veränderungen brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Dialog."

Zur Person: Julia Jäkel 50, Ex-CEO von Gruner + Jahr (u. a. Stern, Geo), ist Aufsichtsrätin und Beirätin, etwa in der Techfirma Adevinta und bei der Holtzbrinck Publishing Group, die auch 50 Prozent an der ZEIT hält.

Tom Buhrow, 64, war Sprecher der Tagesthemen. 2013 wurde er WDR-Intendant. Derzeit führt er interimistisch die ARD.

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Julia Bönisch baut jetzt das Geschäft bei der Stiftung Warentest um. Wie sie die Transformation durchzieht und wie ihr die Erkenntnisse aus der schwierigen Zeit als Chefredakteurin der SZ dabei helfen.

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