Merkels Lobeshymne auf die Süddeutsche Zeitung

07.10.2022
 

Angela Merkel hält die Festrede zum 77. Geburtstag der Süddeutschen Zeitung - zum Teil mit erstaunlich persönlichen Worten. Welche Seite Merkel in der SZ besonders gerne liest - und warum Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die SZ als "einzige ernstzunehmende Opposition" bezeichnete.

Angela Merkel (CDU) fühlte sich mit der Bezeichnung als "Kohls Mädchen"  zu Beginn ihrer politischen Karriere nicht wohl. Bei einem Festakt zum 77-jährigen Bestehen der "Süddeutschen Zeitung" sagte die frühere Bundeskanzlerin:

"In den ersten Jahren nach der Deutschen Einheit, insbesondere in der Zeit, als ich Frauen- und Jugendministerin war, war es für mich kaum möglich, als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Vielmehr dominierte das Bild von, wie es sehr lange hieß, 'Kohls Mädchen'. Alles wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl her abgeleitet, natürlich nicht nur in der Süddeutschen Zeitung. Das empfand ich als jemand, der sich freute, erstmals im Leben eigenständig seine Meinung zu äußern, ohne mit staatlichen Institutionen in Schwierigkeiten zu kommen, als ziemlich deprimierend."

Merkel war zu Beginn ihrer Karriere Bundesministerin für Frauen und Jugend im Kabinett des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) und wurde medial lange als "Kohls Mädchen" bezeichnet.

Einer der ersten Artikel, der in den 1990er Jahren in der "Süddeutschen Zeitung" über sie erschienen sei, habe den Titel getragen: "Warum kennen wir Angela Merkel nicht?" Darin habe es geheißen: "Sie ist die jüngste Ministerin, die Deutschland je hatte - vielleicht auch die netteste", zitierte Merkel. "Wobei ich schnell merken sollte, dass es mit der Nettigkeit in der Politik so eine Sache ist."

Nach Angaben von "SZ"-Chefredakteur Wolfgang Krach finden sich inzwischen 40 000 Artikel über Merkel im Archiv seiner Zeitung - 2000 mehr als über Kohl und über 10.000 mehr als über ihren direkten Vorgänger Gerhard Schröder (SPD).

In der "Süddeutschen Zeitung" habe sie in der Folgezeit vor allem viel über die CSU gelernt, so Merkel in München. "Interessante Artikel über unsere Schwesterpartei CSU, für die die Süddeutsche Zeitung sicherlich häufig ein Stachel im eigenen Fleisch war und ist, weckten mein Interesse."

Der CSU wird ein eher schwieriges Verhältnis zur "SZ" nachgesagt, wie auch CSU-Chef Markus Söder in seinem bissigen Grußwort beim Festakt mehr als nur durchblicken ließ. "Alles, was von Bayern aus in Deutschland erfolgreich ist, ist zunächst per se mal super - auch wenn es die "Süddeutsche Zeitung" ist", sagte der bayerische Ministerpräsident, der sich an diesem Abend als "Vorgruppe" von Merkel bezeichnete. "Ich bin seit über 30 Jahren "SZ"-Leser und war auch ein paar Tage ein echter Fan davon." Söder würdigte die Zeitung allerdings - zum Unmut der ebenfalls anwesenden Grünen-Politikern Claudia Roth - auch als "die einzige ernstzunehmende Opposition in Bayern". 

Für Angela Merkel ist die "Süddeutsche Zeitung" "Schritt für Schritt ein wichtiger Begleiter" geworden. "Und immer mehr begeisterte mich an der 'Süddeutschen Zeitung' die im Grunde recht konservative Grundstruktur der Zeitung mit der immer gleichen Ressortaufteilung, vor allem aber die klare Unterscheidbarkeit von Sachverhaltsmeldungen, Reportagen und Meinungsartikeln."

Merkel betonte bei ihrer Rede, dass es die "SZ"-Meinungsseite immer wieder schaffe, sie zu überraschen. "Wenig ist aus meiner Sicht bei der Zeitungslektüre erfreulicher, als einen Meinungsartikel zu lesen, dessen Quintessenz man nicht schon kennt, wenn man nur die Zeitung aufschlägt oder den Namen des Autors oder Autorin liest."

Die Vielfalt der Meinungen in der "Süddeutschen Zeitung" sei bis heute erfreulich hoch. Sie zeichne sie aus. "Deshalb feiern wir heute nicht allein 77 Jahre 'Süddeutsche Zeitung' und eine der bedeutendsten deutschen Tageszeitungen, sondern gleichsam stellvertretend den Wert der Freiheit der Presse an sich. Er ist keinesfalls selbstverständlich", so Merkel. Zur Pressefreiheit gehört für sie zwingend auch der Auftrag des Staates, Journalistinnen und Journalisten zu schützen und das freie Wort zu garantieren - sowohl vor eklatanten Verstößen als auch mit Blick auf die Arbeit im Alltag. "In ihm fordern uns alle - die Medien, die Politik, die Gesellschaft - die Veränderungen heraus, die die Digitalisierung und das Internet mit sich gebracht haben und weiter bringen."

Die frühere Bundeskanzlerin ging bei dem Festakt auch auf die aktuelle Weltlage ein. Merkel warnte davor, Drohungen im russischen Krieg gegen die Ukraine als Bluff abzutun. Der Angriff auf die Ukraine sei eine "tiefgreifende Zäsur" gewesen. Und zwar eine, "bei der wir alle gut beraten sind, Worte ernst zu nehmen und sich ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen und sie nicht von vornherein als Bluff einzustufen". Sie betonte erneut, dass ein dauerhafter Friede in Europa "nur unter Einbeziehung Russlands" erfolgen könne. "So lange wir das nicht wirklich geschafft haben, ist auch der Kalte Krieg nicht wirklich zu Ende."

Hintergrund: Die heute 68 Jahre alte Merkel war zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr nach 16 Jahren Kanzlerschaft nicht mehr angetreten. Sie tritt inzwischen von Zeit zu Zeit als Rednerin auf - unter anderem im September beim Stadtjubiläum in Goslar - und will im Herbst 2024 ihre Memoiren veröffentlichen, wie ihr Verlag kürzlich mitteilte.

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Julia Bönisch baut jetzt das Geschäft bei der Stiftung Warentest um. Wie sie die Transformation durchzieht und wie ihr die Erkenntnisse aus der schwierigen Zeit als Chefredakteurin der SZ dabei helfen.

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