Was die Fusion von Gruner + Jahr mit RTL jetzt für den Stern bedeutet

12.10.2022
 

Michael Hanfeld hat in der FAZ Gregor Peter Schmitz interviewt. Der Vorsitzende der Chefredaktion des stern sagt darin, warum er gerade so viele politische Titelgeschichten macht, wie die Zusammenarbeit mit Capital läuft - und Schmitz äußert sich auch zu der von Thomas Rabe angekündigten Portfolio-Überprüfung.

Gregor Peter Schmitz sieht seine Aufgabe darin, den Stern wieder ein wenig mehr zum Leben zu erwecken. Der "Stern" sollte immer Gesprächsthema, niemals langweilig und immer mittendrin sein. Das ist vielleicht ein wenig verloren gegangen", sagt Schmitz im Interview mit Michael Hanfeld von der FAZ. Schmitz will die "schlagkräftige und extrem gute Redaktion" dafür begeistern, "dass der Stern all die Qualitäten zeigt, die er hat, und, dass wir relevante Debatten in allen Lebenswelten anstoßen". Insofern ähnele seine Aufgabe dort derjenigen, die er bei der "Augsburger Allgemeinen" wahrgenommen habe. Da sei es auch darum gegangen, einer der auflagenstärksten deutschen Tageszeitungen mehr Aufmerksamkeit und Relevanz zu verschaffen. Das sei gelungen, man habe rasch zu den meistzitierten deutschen Medien gehört. Beim Stern erkennt Schmitz in dem Bereich auch schon wieder "einen klaren Aufwärtstrend". "Also sehe ich mich in der Tat wieder als Motivator und Inspirator", sagt er im FAZ-Gespräch. 

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Zitiert wurde zuletzt auch das Interview des stern mit Altkanzler Gerhard Schröder. "Die Ansichten des Altkanzlers zu Russland und zum Krieg gegen die Ukraine muss man beileibe nicht teilen. Das Gespräch mit ihm ist aber journalistisch wertvoll, und alle wollten es haben. Und Schröder wollte eben auch mit dem Stern reden", so Gregor Peter Schmitz. 

Der Stern sei immer schon politisch gewesen, das gehöre zu seiner DNA. Der Stern habe alle politischen Debatten der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt. Schmitz hebt weiter hervor, dass wir in einer extrem politischen Zeit lebten. "Deshalb machen wir gerade auch so viele politische Titel. Die Lage der Welt treibt die Menschen um. Wir müssen uns von unserer heilen Welt verabschieden, das ist etwa unser Thema vergangenen Donnerstag gewesen."

Die politischen Stern-Titel funktionierten am Kiosk - Schmitz findet das ermutigend:

"Ich dachte am Anfang, na ja, wenn du versuchst, Politiker oder politische Themen auf den Titel zu setzen, kann das auch schiefgehen. Aber im Gegenteil, das waren oft die Titel, die sich am besten verkauft haben. Der Schröder-Titel war etwa der bestverkaufte seit über einem Jahr. Wir wollen in der gesellschaftlichen Debatte mitmischen, und wir müssen Politik auf besondere Weise erzählen, nah am Menschen. Deswegen haben wir übrigens auch jemanden wie Nico Fried von der Süddeutschen Zeitung geholt, der aus meiner Sicht der beste politische Porträtist in Deutschland ist."

Der stern-Chef betont im FAZ-Interview, dass die Zusammenarbeit mit Capital - und auch mit RTL und ntv - im Hautpstadtbüro große Vorteile biete. "Da finden Sie viele hervorragende Journalistinnen und Journalisten mit viel Fachkompetenz."

Michael Hanfeld, Chef des Medienressorts und Stellvertreter des Feuilleton-Chefs in der FAZ, fragt Gregor Peter Schmitz, was die Fusion von Gruner + Jahr mit RTL für den Stern bedeutet. "Der Stern hatte seine Heimat bei Gruner + Jahr, und er hat sie nun bei RTL. Das wusste ich, als ich angetreten bin", antwortet Schmitz. In der Fusion von RTL und Gruner + Jahr beweise sich der Stern als sehr starke Marke. Die bisweilen vorgetragene Sorge, dass der Stern untergehen könnte, verstehe er nicht. "Kaum eine Marke wird in diesem Verbund so stark präsentiert wie diese. Wir haben das Magazin, wir sehen Investitionen in Stern TV." Und weiter: "Wenn wir unsere Themen über das ganze Netzwerk von Print, Digital, RTL und ntv ausspielen, haben wir eine Reichweite wie kaum jemand sonst." Mit dem Schröder-Interview habe man so binnen weniger Tage über 150 Millionen Kontakte gesammelt.

Die Portfolio-Prüfung, die der Bertelsmann- und RTL-Chef Thomas Rabe angekündigt hat und die bedeutet, dass alle Titel von Gruner + Jahr hinterfragt werden, fürchtet stern-Lenker Schmitz deswegen nicht: "Die Portfolio-Prüfung läuft. Das ist klar kommuniziert worden. Ich kann nur sagen, dass ich den Stern stark positioniert sehe und keinen Zweifel daran habe, dass er als Marke so auch gesehen wird. Über 90 Prozent der Menschen in Deutschland kennen den Stern. Ich fühle uns im Fusionsprozess sehr wertgeschätzt."

Auch zur Nannen-Debatte äußert sich Gregor Peter Schmitz ausführlich im FAZ-Interview. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der ersten Stern-Jahrzehnte liege nun in den Händen des Instituts für Zeitgeschichte. "Wir wollen wirklich alles, was es zu sagen gibt, finden", beteuert Schmitz. In der Redaktion habe man eine sehr emotionale Debatte geführt, und Schmitz findet, dass man das journalistisch ganz gut dargelegt habe. "Jetzt warten wir das Ergebnis der Studie des Instituts für Zeitgeschichte ab", das allerdings "einige Jahre" dauern werde. 

Für Schmitz ist Henri Nannen eine faszinierende Figur. Er sei auch wegen jemandem wie ihm Journalist geworden: "Er hat gezeigt, wie man sich als Journalist gesellschaftlich engagiert. Seine Verdienste halte ich für unbestreitbar. [...] Glorifizieren sollten wir Henri Nannen nicht. Ich glaube aber, dass seine Lebensleistung nicht komplett von seiner Zeit als Propagandasoldat ausgelöscht wird."

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