Warum der Markt für deutsche TV-Dokus plötzlich so heftig boomt

 

Mit US-Augen auf Neuschwanstein schauen: Jutta Pinzler, TV-Produzentin sowie Gründerin und Geschäftsführerin von Sagamedia in Köln, erklärt im kressköpfe-Interview, welche Chance sich aus der starken Nachfrage von globalen Pay-TV- und Streaming-Riesen an deutschen Doku-Stoffen ergeben. Und sie verrät, warum kleinere Produktionshäuser im Pitch oft schneller punkten.

kress.de: Frau Pinzler, Ihre Filmliste ist lang, Ihre Reputation in der Produzentenszene hoch. Bislang arbeiteten Ihre Kollegen und Sie allerdings – wie im dokumentarischen Genere ja bislang üblich – meist für öffentlich-rechtliche Auftraggeber. In wie weit hat sich davon Ihre neue Zusammenarbeit mit dem Sender National Geographic unterschieden?

Jutta Pinzler: Bei der Zusammenarbeit mit National Geographic war für uns vor allem die internationale Besetzung der Redaktion neu. Für die Dokumentation über Schloss Neuschwanstein, die am Sonntag, 30. Oktober um 21:50 Uhr auf National Geographic gezeigt wird, hatten wir regelmäßige digitale Meetings mit Senderverantwortlichen aus Madrid, Washington und München. Wir waren überrascht wie gut die Kommunikation geklappt hat, obwohl wir uns nie persönlich getroffen haben. Es gab kaum Reibungsverluste, es war eine tolle Zusammenarbeit.

kress.de: Wie kamen Sie denn an den spannenden Neuschwanstein-Stoff, und wie fand der dann letztlich zum Sender?

Jutta Pinzler: Einer unserer Mitarbeiter hatte schon 2019 von der Restaurierung gehört und schlug vor, sie zum Anlass zu nehmen, einen Film über das Schloss zu produzieren. Es gibt schon einige Dokumentationen über Neuschwanstein und über König Ludwig II. Aber es gibt keinen Film, der den Hintergrund, die Geschichte und die Aktualität verbindet. Und es gibt keinen Film, der die ersten Restaurierungsarbeiten seit 150 Jahren so ausführlich zeigt. Das war eine einzigartige Chance. Wir haben das Thema bei National Geographic gepitcht und der Sender sah das zum Glück genauso wie wir.

"Die internationalen Streamer haben andere Erwartungen als lokale Sender oder Arte, wo wir oft den regionalen oder den Deutschland-Frankreich-Bezug berücksichtigen."

kress.de: Wie ungewöhnlich ist es, Stoffe zu "pitchen" und worin unterscheiden sich die sonstigen Wege der Zusammenarbeit, wenn sie etwa bereits mehr oder weniger konkrete Aufträge übernehmen?

Jutta Pinzler: Auf irgendeine Art haben wir Themen ja schon immer gepitcht. Auch, wenn wir für Redaktionen arbeiten, die wir schon lange kennen. Neu ist jedoch, dass sich die bestehenden Sendeplätze verändern, dass die Mediatheken dazugekommen sind. Zudem haben die internationalen Streamer andere Erwartungen als lokale Sender oder Arte, wo wir oft den regionalen oder den Deutschland-Frankreich-Bezug berücksichtigen. Wir freuen uns über die neuen Anbieter, denn die hohe Nachfrage bietet uns gute Chancen. Bei sagamedia arbeiten 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vielen, unterschiedlichen Ideen und ganz unterschiedlichem Sehverhalten. Da können wir eine große Bandbreite abdecken.

"Die Streamer generieren eine größere Nachfrage, das ist eine chancenreiche Situation für Produzenten wie uns. Zudem ist es gut, dass der Erfolg eines Filmes nicht mehr nur von einer Ausstrahlung abhängt."

kress.de: Die Fernseh- und Bewegtbildlandschaft verändert sich ständig weiter. Streaming hat sich wie selbstverständlich in der Mitte der Gesellschaft festgesetzt. Wie sehr haben sich auch für Dokumentarfilmer die Gewichte verschoben und möglicherweise neue Marktchancen ergeben?

Jutta Pinzler: Für uns ist das eine tolle Zeit: Dokumentationen, Factual Formate, aber auch Magazine sind bei allen Sendern gefragt – also journalistische Formate. Und genau für die schlägt unser Herz seit Jahren. Bei unserem Magazin "Life" sehen wir jede Woche wie groß das Bedürfnis der Zuschauerinnen und Zuschauer nach Information, Vielfalt und Orientierung ist. Die Streamer generieren eine größere Nachfrage, das ist eine chancenreiche Situation für Produzenten wie uns. Zudem ist es gut, dass der Erfolg eines Filmes nicht mehr nur von einer Ausstrahlung abhängt. Wir finden dadurch ganz neue Zielgruppen und ein größeres Publikum. Aber egal für wen wir produzieren: Unser journalistisches Denken und Fühlen finden sich in all unseren Formaten wieder.

"Wir wollen Realität nicht verfälschen, sondern spannend dokumentieren."

kress.de: Lange gehörte das Klagen der Doku-Produzenten offenbar mit zum Geschäft. Warum drängen jetzt sogar Großproduzenten auf diesen Markt und eröffnen eigene Doku- und Reality-Sparten?

Jutta Pinzler: Dass Großproduzenten den Markt besetzen, zeigt einfach wie populär die Sparte ist. Ich erinnere mich an eine Zeit als alle nach gescripteter Reality fragten und meine Partnerin Iris Bettray und ich entschieden, dass wir diese Nachfrage nicht bedienen wollen. Was nicht bedeutet, dass wir Geschichten nicht auch pointiert erzählen. Wir wollen Realität aber nicht verfälschen, sondern spannend dokumentieren. Letztendlich braucht es gute Ideen. Die Konkurrenz durch große Unternehmen scheuen wir nicht. Wir haben tolle Leute in unserer Firma, aus ganz unterschiedlichen Bereichen und Altersgruppen, da können wir gut mithalten. Und öfter als man denkt, ist es auch ein Vorteil, nicht zu groß zu sein. Eine handwerkliche Manufaktur kann oft schneller und individueller reagieren als ein Industrie-Riese.

kress.de: Welche Stoffe haben Ihrer Erfahrung nach aktuell bei den alten wie neuen Abnehmern die besten Chancen und worauf sollte man aus Produzentensicht achten?

Jutta Pinzler: Exklusive Zugänge helfen natürlich sehr, egal bei welchem Thema. Aber die bekommt man nicht immer so leicht. Und durch die Konkurrenz ist der Wettstreit darum größer geworden. Da hilft uns einfach die starke journalistische Grundausrichtung der sagamedia, die vielen Kontakte unserer Mitarbeiter und auch die kreative Atmosphäre in unserem Unternehmen. Wir realisieren immer wieder gerne auch investigative Stoffe. Da ist die Recherche natürlich extrem anspruchsvoll und vor allem kostenintensiv. Außerdem entsteht immer das Risiko von juristischen Auseinandersetzungen. Aber das sind dann halt die Themen, die wir aus Leidenschaft und weniger für den Gewinn realisieren. Das ist bei Konzernen sicher anders als bei einem Inhaberinnen und Inhabern geführten Unternehmen.

"Mich hat meine erste berufliche Station bei Vox sehr stark geprägt. Damals befand sich der Sender noch im Aufbau. Ich kam kurz nach der Insolvenz dazu, und viele Formate wurden gerade erst entwickelt."

kress.de: Wenn Sie auf eigene frühere Berufsstationen zurückblicken: Welche haben Sie für Ihre aktuellen Aufgaben am stärksten geprägt?

Jutta Pinzler: Mich hat meine erste berufliche Station bei Vox sehr stark geprägt. Damals befand sich der Sender noch im Aufbau. Ich kam kurz nach der Insolvenz dazu, und viele Formate wurden gerade erst entwickelt. Durch meine Arbeit in der Chefredaktion hatte ich viele unterschiedliche Aufgaben und war eine Art Springer. Ich war bei Vertragsverhandlungen genauso dabei wie bei den Drehs von Piloten. Das hat mir später noch oft geholfen. Und dann natürlich der Aufbau unserer Fima sagamedia mit meiner Partnerin Iris Bettray. Wir haben viele – manchmal auch bewegte - Jahre hinter uns und konnten und können tolle Produktionen entwickeln und realisieren. 

kress.de: Irgendwann muss ja auch Feierabend sein: Wie tanken Sie denn selbst Ihre Batterien wieder auf?

Jutta Pinzler: Es klingt ein wenig banal: Aber ich gehe einfach joggen. Wenn ich zehn Minuten durch den Wald gelaufen bin, kann ich eventuellen Stress ganz gut auch mal vergessen.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Jutta Pinzler: Gespräche mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Ideen zu den Dokus oder auch zu den seriellen Formaten entstehen ja meist indem wir gemeinsam brainstormen. Ich lese sehr viel und komme dadurch immer wieder auf Themen. Die Sender kommen aber auch mit eigenen Ideen auf uns zu, weil sie wissen, dass wir Themen stark, journalistisch gut und dramaturgisch spannend umsetzen können und fair mit unseren Protagonistinnen und Protagonisten sowie Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern umgehen.

kress.de: Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Jutta Pinzler: Natürlich hat es eine große Bedeutung, dass wir verschiedene Redaktionen schon lange kennen. Für NDR/Arte produzieren wir seit inzwischen mehr als 15 Jahren erfolgreiche Dokumentationen. Für das ZDF arbeiten wir ähnlich lange. Aber es kommen immer wieder neue Redaktionen dazu. Die orientieren sich an der Vita der Autorinnen und Auoren sowie der Firma. Da ist das Profil von kressköpfe wirklich hilfreich.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und kress pro?

Jutta Pinzler: kress gehört für Produzentinnen und Produzenten einfach zu den wichtigsten Informationsquellen. Es ist toll, dass unsere Branche ihre eigenen Medien entwickelt hat. Seitdem ich als Journalistin arbeite, lese ich den kress regelmäßig und bin im Express-Verteiler. Gerade die Insider-Berichte geben mir viel Hintergrund-Wissen und in der Rubrik "Debatten" erfahre ich oft Dinge, die sonst anderswo nicht so lesen kann.

kress.de-Tipp: Die Dokumentation "Die Geheimnisse von Neuschwanstein" ist am Sonntag, 30. Oktober um 21.50 Uhr auf National Geographic zu sehen. Hinter dem Pay-TV-Sender steckt die US-Medienriesen National Geographic Global Networks und Disney. Der Sender ist in Deutschland unter anderem bei Sky, aber auch in den Bouquets von Vodafone und Telekom zu empfangen.

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