Ringier-Chef Marc Walder im Interview: "Das darf uns nicht mehr passieren. Deshalb bin ich nervös"

 

Der streitbare CEO des Schweizer Konzerns Ringier, Marc Walder, sagt im Interview mit "kress pro", warum die Branche auch selbst dafür verantwortlich ist, dass sie in der Digitalisierung nicht so gut dasteht - und warum das Medienunternehmen jetzt Vorstandssitzungen im Metaverse abhält.

Auszug aus einem Interview mit Ringier-CEO Marc Walder, erschienen in der aktuellen "kress pro" 8/2022

Viele Medienmanager klagen, dass das Geschäft nie so schwer war wie heute: Coronakrise, Energiekrise, Inflation, eine mögliche Rezession. Dazu kommen die strukturellen Umwälzungen. Was erwarten Sie im kommenden Jahr?


Marc Walder: Das ist enorm schwer zu sagen. Wir sind jetzt wieder in einer heiklen, wohl gar historisch komplexen Phase. Corona war schlimm. Für die Bürgerinnen und Bürger. Für Unternehmen. Egal ob groß oder klein. Aber wir sind durch diesen Tunnel durchgekommen und haben gedacht: Endlich. Jetzt wird es besser. Und dann kam dieser Krieg, der auf so vielen Ebenen so viel Schwieriges ausgelöst hat. Nie war es komplexer, ein Budget für das kommende Jahr zu machen. Wir müssen auf alles, wirklich alles, gefasst sein.

Das klingt ziemlich pessimistisch.

Wir alle navigieren in diesen Monaten auf Sicht. Jedes Management muss Tag und Nacht am Steuer sein und schauen: Wo kommt der nächste Eisberg? Und wie groß könnte er sein? Andererseits hilft dem Unternehmen Ringier, dass es sehr mutig in digitale Geschäftsmodelle investiert hat. Je höher der Digitalisierungsgrad, desto besser sind die Chancen, einigermaßen gut durch diese erneute Krise zu kommen.

Noch scheinen Ihre Vorstandssitzungen bei Ringier nicht im Krisenmodus abzulaufen. Zuletzt haben Sie Ihre Meetings gar im Metaverse abgehalten.

Unsere Überzeugung in der Geschäftsleitung ist: Ein Tag, an dem man nichts lernt, ist ein verlorener Tag. Wir haben für alle Mitglieder des Vorstands Oculus-Brillen besorgt. Die musste man dann einrichten, was nicht ganz trivial ist. Wir mussten uns also damit beschäftigen. Das ist eben wichtig. Das Fazit war die Erkenntnis, dass das Metaverse zweifellos die nächste Etappe von digitalen Erlebnissen sein wird.

Denken Sie, dass das Metaverse eine ähnlich revolutionäre Kraft haben wird wie die Digitalisierung insgesamt?

Als ich im April beim Weltwirtschaftsforum in Davos war, habe ich mir nur eine Aufgabe gegeben: an die richtigen Leute rund um das Thema Metaverse zu gelangen. Wer Anwendungen im Metaverse erlebt hat – und sie sind noch so rudimentär, wie es das Internet vor 25 Jahren war –, der empfindet das Wischen auf einem flachen Screen als geradezu langweilig und eindimensional. Für die Medien- und Unterhaltungsindustrie dürfte das Metaverse beides sein: die nächste große Opportunität – und die nächste große Gefahr.

Sie klingen ein wenig alarmiert.

Wir sind stark gefordert als Industrie – wie bereits durch das Aufkommen der Digitalisierung. Damals, beim Start des Internets, haben wir viel verpasst, an dem wir bis heute leiden: Google und Facebook bedienen sich an unseren Inhalten. Und wir rennen nun dem uns zustehenden Geld hinterher. Wir haben unsere Inhalte – für Bürgerinnen und Bürger großartige, geschätzte und hochrelevante Inhalte – gratis abgegeben. Und rennen nun dem Geld hinterher. Und wir haben das alles zugelassen, ohne dass Userinnen und User sich dafür wenigstens hätten einloggen müssen. Und rennen nun den so wichtigen Logins hinterher. Logins, die für Uber, Whatsapp, Facebook, Airbnb, Apple, Google usw. das Normalste der Welt waren. Das darf uns nicht mehr passieren. Deshalb bin ich nervös.

Sie sind bekannt dafür, mit der eigenen Branche ungewöhnlich hart ins Gericht zu gehen. Seit Jahren prophezeien Sie eine massive Konsolidierung der Medienindustrie und haben den Satz geprägt: „Es wird blutig werden.“ Haben Sie Freude an der Provokation?

Nein, nein. Ich bin Pragmatiker. Komplexe Sachverhalte lassen sich eher verändern und formen, wenn man sie beim Namen nennt. Mit Provokation hat das nichts zu tun. Ich bleibe bei meinen Aussagen. Mehr denn je. Zwei Zahlen dazu: In den USA sind in den vergangenen 15 Jahren ein Viertel der Tageszeitungen verschwunden. Und in zwei Dritteln der über 3.000 Bezirke, die es in den USA gibt, erscheint keine Tageszeitung mehr. Jahrzehntelang erfolgreiche Medienunternehmen haben 50, 60, 80 Prozent der bisherigen Umsätze verloren. Einfach weg. In 15 Jahren. Das ist blutig.

Viele Manager in der Medienbranche scheuen sich vor solchen Ansagen, weil sie im Markt und bei den eigenen Mitarbeitern nicht den Eindruck erwecken wollen, dass sie nicht mehr an das eigene Geschäft glauben. Haben Sie da keine Sorge?

Es geht nicht darum, dass man nicht an das eigene Geschäft glaubt. Sondern darum, dass man die Dringlichkeit spüren muss, alles zu versuchen, was die digitale Welt bietet. Dazu gehört auch ein schonungsloser Blick in die Vergangenheit. Die Tatsache, dass die Medienindustrie in der digitalen Transformation nicht gut dasteht, ist auch selbst verschuldet. Ringier schließe ich mit ein.

Was meinen Sie?

Schauen wir, wo Google oder Facebook oder Netflix vor 20 oder Spotify vor zehn oder Tiktok vor vier Jahren standen. Und nun vergleichen wir diese Unternehmen mit der Medienindustrie in puncto digitalem Verständnis, Speed, Agilität, Risikobereitschaft und technischem Know-how. Die Medienindustrie hat viel zu lange gebraucht, um – ein Beispiel nur – zu verstehen, dass die unterliegende Technologie ein Schlüsselfaktor ist. Inhalte allein reichen nicht.

(...)

Das ist ein Auszug aus einem Interview von Markus Wiegand mit Riniger-CEO Marc Walter, erschienen in der neuen "kress pro"-Ausgabe 8/2022. Darin spricht Walder auch über die Fehler, die Ringier im Kleinanzeigengeschäft gemacht hat, und die Gefahren, die diesem Geschäft drohen. Und er sagt, warum gemeinsame Login-Allianzen von Medienunternehmen wichtig sind und wieso die Boulevardzeitung "Blick" - anders als die deutsche "Bild" - kein Bezahlmodell eingeführt hat.

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