"Tendenziös": WDR wehrt sich gegen Vorwürfe von Redakteur Jürgen Döschner

 

Eskalation eines lange schwelenden Konflikts: Der WDR-Redakteur und Klimaexperte Jürgen Döschner wirft seinem Arbeitgeber laut Medienberichten ein politisch motiviertes "faktisches Arbeitsverbot" vor und klagt auf Schadenersatz. Der Sender ist jetzt zum Gegenangriff geschritten.

Über den Streit haben am Donnerstag der "Kölner Stadt-Anzeiger" und das Recherchezentrum Correctiv in identischen Artikeln berichtet. Döschner hat demnach an diesem Tag Klage gegen den WDR beim Arbeitsgericht Köln eingereicht und verlangt eine "Geldentschädigung wegen Nichtbeschäftigung". Der Streitwert liege bei 75.000 Euro.

Döschner selbst kommt in den Beiträgen nicht zu Wort. Laut "Kölner Stadt-Anzeiger" und Correctiv hat der Klima- und Energieexperte dem WDR-Newsroom eine Fülle von Beiträgen zu seinen Themen angeboten, sei mit seinen Vorschlägen aber fast immer ignoriert worden. Trotz eines Jahresgehalts von rund 100.000 Euro habe er daher nur noch höchstens fünf Stunden im Monat gearbeitet. Der "mutmaßliche Grund" für Döschners Nicht-Beachtung sei politisch: "Er hat sich in den Augen des WDR in seinen Beiträgen zu stark gegen die Kohleindustrie im WDR-Sendegebiet positioniert", schreibt der "Kölner Stadt-Anzeiger".

Der WDR bezeichnet die Berichte von "KStA" und Correctiv in einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme indes als "tendenziös und in Teilen fehlerhaft". Der Sender entwirft darin von Döschner das Bild eines Querulanten, der sich nicht an Abläufe und Absprachen hält: Er habe nach Auflösung seiner Redaktionseinheit "Story und Recherche" 2019 eine Beschäftigung im neuen Newsroom abgelehnt und im Hinblick auf seine Tätigkeiten eine "Sonderrolle" gefordert. Der Sender sei dazu nicht bereit gewesen. Anfang 2020 habe Döschner aber einer Umsetzung in die Redaktion des Hörfunkprogramms "Cosmo" zugestimmt. "Die in dieser Funktion üblichen Aufgaben wie bspw. Redaktionsdienste nimmt er im Gegensatz zu seinen Kolleg:innen nicht wahr, an Konferenzen nimmt er nicht regelmäßig teil", schreibt der Sender. "Dennoch wird ihm im Sinne eines konstruktiven Miteinanders bei Cosmo ermöglicht, eine wöchentliche Kolumne mit allen damit verbundenen journalistischen Freiheiten zu publizieren."

Döschners Beitragsangebote an den Newsroom seien meistens nicht an inhaltlichen Positionen gescheitert, "sondern an der Tatsache, dass er sich nicht an verabredete Workflows hielt". So sei beim WDR vorgesehen, dass sich einzelne Redakteure nicht direkt an den Newsroom wenden, sondern Angebote für Beiträge kanalisiert über eine Fachredaktion weitergegeben werden. "Herr Döschners Agieren hat immer wieder zu Vertrauensbrüchen in der Zusammenarbeit mit anderen Redaktionen geführt", so der Sender.

Der Streit zwischen dem Redakteur und seinem Arbeitgeber hat eine lange Vorgeschichte: Döschner war 2019 Urheber eines Radio-Beitrags, in dem Teile eines heimlich aufgenommenen Videos von Armin Laschet zu hören waren. Der NRW-Ministerpräsident sagt darin u.a., er habe die Räumung des Hambacher Forsts für ein RWE-Braunkohlegebiet unter "einem Vorwand" veranlasst. Der Beitrag mit der Äußerung ging beim WDR vorübergehend online - bis Chefredakteur und Newsroom-Chef Stefan Brandenburg die Löschung veranlasste. Döschner warf ihm daraufhin Zensur vor. Als der "Spiegel" den Vorgang 2021 öffentlich machte, reagierte der Sender bereits mit einer Stellungnahme.

In Reaktion auf die Berichte von "KStA" und Correctiv hat Brandenburg auf Twitter die Ereignisse noch einmal aus seiner Sicht dargestellt: Döschner habe damals den Newsroom dazu bringen wollen, sein Stück mit der Laschet-Aufnahme "ganz kurzfristig am nächsten Morgen" zu senden. "Dabei verschwieg er seinen Kollegen, dass Journalisten der Fachredaktion Landespolitik das Stück seit einer Woche abgelehnt hatten, weil sie es für journalistisch problematisch hielten." Auf Gesprächsangebote zur Klärung sei Döschner nicht eingegangen.

Der WDR will in der Stellungnahme auch den Vorwurf einer industrie- und regierungsfreundlichen Berichterstattung nicht auf sich sitzen lassen: "Dass es in dem Zusammenhang nicht um die Inhalte bzw. die Berichterstattungsfreiheit von Journalist:innen geht, die sich mit der Klimakrise oder der Kohleindustrie beschäftigen, zeigt die Vielzahl von Beiträgen, Dokumentationen und Programmangeboten, die es im WDR zu diesen Themenkomplexen gibt."

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