"Verbal-blutiger Gladiatorenkampf": Was Medienprofis zum Krömer-Reichelt-Rededuell sagen

15.11.2022
 

Die Sendung "Chez Krömer", in der Kurt Krömer Julian Reichelt interviewte, wird erst an diesem Dienstagabend im RBB ausgestrahlt. Am Montag war sie schon in der Mediathek und auf YouTube zu sehen, was eine Riesenwelle auf Twitter auslöste. Wie Medienprofis wie Laura Hertreiter, Nele Pollatschek, Anton Rainer und Tomasz Kurianowicz den denkwkürdigen Schlagabtausch kommentieren.

Ob absurd naive Fragen, böser Witz oder präziser Konter: Der Gast in Kurt Krömers "Verhörraum" ist unberechenbaren Situationen, Inhalten und Launen ausgeliefert. Und es gibt immer noch Menschen, die bereit sind, sich Krömers investigativ-verstörenden Fragen zu stellen. Produzent Friedrich Küppersbusch bezeichnet die Sendung gern als "Boxbude". "Chez Krömer" ist mittlerweile in der 7. Staffel und mit zwei Grimme-Preisen ausgezeichnet.

In der aktuellen Folge ist Julian Reichelt (42) zu Gast. Reichelt leitete die Bild-Zeitung von 2017 bis 2021 als Chefredakteur und ist nun Geschäftsführer der von ihm gegründeten Medienfirma Rome Medien ("Achtung, Reichelt!"). Nachdem Krömer vs. Reichelt am Montag um 18 Uhr in der ARD-Mediathek und auf YouTube zu sehen war, lief Twitter regelrecht über mit Kommentaren. Die Hashtags #Reichelt, #Krömer, #ChezKrömer trenden bis Dienstagmittag auf der Kurznachrichtenplattform.

Besonders oft verlinkt wird die Kritik von Laura Hertreiter und Nele Pollatschek zur Sendung. Wie man Julian Reichelt besser nicht interviewt heißt es in der Überschrift ihres Artikels in der Süddeutschen Zeitung. Dabei geben die Autorinnen eingangs zu bedenken: 

"Als Medienschaffender weiß man, dass zwar nicht alle Presse gute Presse ist, alle Presse aber tatsächlich Presse ist, was bedeutet: Aufmerksamkeit in einer Aufmerksamkeitsökonomie, also die wichtigste Währung einer Mediengesellschaft. Dass jemand nur einen mittelerfolgreichen Youtube-Kanal betreibt, kann sich schnell ändern, wenn Medienschaffende ihm nur ausreichend Aufmerksamkeit schenken."

Mit dem "jemand" ist Julian Reichelt gemeint. Er könne sich in seinem Berliner Büro gut zwanzig Mitarbeiter leisten - u.a. ist Bild-Parlamentsredaktionsleiter Ralf Schuler zu Reichelt gewechselt - was darauf hindeute, dass sehr reiche Menschen intensiv an diesen Youtuber glaubten und daran, dass sich das Investment für sie lohnen werde, schreiben Hertreiter und Pollatschek in der Süddeutschen. Die Chancen stünden nicht schlecht, "denn wenn Donald Trump eines gelehrt hat, dann, dass man alles werden kann, wenn einem nur genügend Medienschaffende eine Bühne geben".

Zur Sendung selbst heißt es in der SZ-Kritik:

"Das Studio im Verhörzimmer-Stil, die Akte, aus der Krömer seine Fragen abbellt, ohne sich nur im Geringsten für die Antwort zu interessieren, all das weckt Assoziationen, bei denen man dann versehentlich mitnickt, wenn der verhörte Youtuber Reichelt eine 'Stasi-Akte' vermutet. Und wenn der eine so überzeugend den Stasi-Offizier mimt, wirkt der andere tatsächlich zum ersten Mal so, wie er sich selbst sieht: als Opfer einer Kampagne (von wem, bleibt offen), zu Unrecht beschuldigt, durch den Dreck gezogen von einer öffentlich-rechtlichen Bande, die ihn aus Prinzip hasst und ihm jedes Wort im Mund umdreht."

Dass Reichelt bei "Chez Krömer" wie ein Opfer wirke, sei fast ein Kunststück, "ein wirklich schlechtes". Krömer benutzt zum Beispiel die Aufnahme einer anonymen und verpixelten "Zeugin" mit verzerrter Stimme, um "zu beweisen", dass Reichelt Kokain konsumiert habe. Die Antwort auf die Frage, ob er denn nun Drogen nehme ("Nein") müsse man nicht mal glauben, aber man müsse dem Zuschauer die Gelegenheit geben, die Glaubwürdigkeit der Recherchen zur Sendung zu beurteilen. Es gehe im Journalismus um Belegbarkeit, nicht um Glauben, betonen Hertreiter und Pollatschek in ihrer Kritik. Es sei unlauter, wenn Springer-Journalisten so arbeiteten - also einzelne anonyme Aussagen als Fakt darstellten - so etwas aber dann im Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders zu machen, gehe nach hinten los. Weil Reichelt die Wahrheit verbiegen könne, ohne dass jemand sie wieder gradebiege, aber auch, weil er die Möglichkeit bekomme, einen vollkommen wahren Satz zu sagen: "Sie benutzen Methoden, die Sie eigentlich abstoßend finden, und das macht Sie und Ihre Methoden abstoßend." Genauso sei es.

Das Fazit der SZ: "Wenn deutsche Medienmacher mit Reichelt weiter so verfahren, könnte der Youtuber bald wieder ganz gut ins Geschäft einsteigen. Eine Bühne ist nun mal eine Bühne, und je zwielichtiger die Gestalt ist, der man sie gibt, desto gewissenhafter muss man die eigene Aufgabe wahrnehmen."  

Spiegel-Autor Anton Rainer, der jüngst selbst einige aufsehenerregende Artikel über Reichelt mit verfasste, schreibt auf Twitter: "@kurt_kroemer interviewt @jreichelt und ohne das bewerten zu wollen: Ich denke, wir werden über diese Sendung noch länger sprechen." 

Für Medienprofi Alf Frommer ist die Sendung schlicht "Das Interview des Jahres.

Markus Ehrenberg schreibt im Tagesspiegel:

"Vielleicht sah Reichelt damit allzu sehr wie ein Opfer aus. Vielleicht wurde auch nicht jeder Behauptung widersprochen (ist das Privatleben Reichelts wirklich privat, wenn es um diese Art von Vorwürfen, um Machtgefälle geht?). Vielleicht ist das aber auch Klagen auf höchstem Niveau. Chapeau, Kurt Krömer. Dem RBB und seinen Zuschauern ist zu wünschen, dass es diesem Format noch viele weitere Staffeln mit viel Rauch im Studio gönnt. Und von Katzen etwas vor die Tür gelegt wird."

Tomasz Kurianowicz bemerkt in der Berliner Zeitung: "Immerhin ließ sich Krömer nicht die Gelegenheit nehmen, Reichelt regelrecht zu grillen und ihn in kurzen, schnappatmigen Fragen mit unbewiesenen oder auch bewiesenen Vorwürfen zu konfrontieren, privater und beruflicher Natur. Zeitweise mochte man nicht mehr richtig hinsehen, da sich die Sendung wie ein verbal-blutiger Gladiatorenkampf anfühlte. [...]  Es begann ein Katz-und-Maus-Spiel, das es in sich hatte. Während Krömer es sich zur Aufgabe machte, Reichelt der Öffentlichkeit preiszugeben und ihn als Scharlatan zu enttarnen - er zeigte sogar eine amerikanische Klageschrift eines vermeintlichen Missbrauchsopfers -, wählte Reichelt ironischerweise die Taktik, dem Fragesteller Krömer Bild- bzw. Reichelt-Methoden vorzuwerfen."

Man könne alle verstehen, denen nach dieser an verbalen Scharmützeln nicht armen TV-Auseinandersetzung übel ist, findet Steven Sowa bei t-online

Die Teleschau kommt zu dem Ergebnis:

"Beim Reichelt-Auftritt in der Krömer-Show gehe jeder Schlag am Ziel vorbei: "Einigermaßen enttäuscht darf man auch von diesem Aufeinandertreffen sein, das im Fußball wohl ein taktisch geprägtes Null zu Null auf durchwachsenem Niveau gewesen wäre. Noch bevor die Sendezeit ganz abgelaufen war, pfiff Kurt Krömer die Begegnung gleichsam als Schiedsrichter in eigener Sache ab. Es gab auch für niemanden mehr etwas zu gewinnen."

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