Österreichische Wochenzeitung Falter berichtet nicht über Fußball-WM in Katar

18.11.2022
 

"Der Falter hat sich dazu entschlossen, nicht weiter über die Wüsten-WM zu berichten", schreibt Florian Klenk am Donnerstagmorgen auf Twitter. Was den Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung jetzt zum Fußball-WM-Boykott veranlasst hat.

Der Falter ist eine in Wien erscheinende Wochenzeitung, die 1977 von Walter Martin Kienreich gegründet wurde. Ursprünglich alle zwei Wochen produziert, erscheint der Falter seit 1987 wöchentlich. Chefredakteure sind Florian Klenk und Armin Thurnher.

Klenk ist 2021 vom österreichischen Branchenmagazin Journalist:in als Chefredakteur des Jahres ausgezeichnet worden. "Kontinuierliche Spitzenleistung als investigativer Journalist, als Blattmacher und als Social Media-Kommunikator", lautete eine Begründung für Klenks Wahl. "Investigativ, komplex, detailreich, guter Stilist, als Innenpolitikjournalist nicht mehr wegzudenken, legt Finger in die Wunde" eine weitere.

Bemerkenswert ist auch der Schritt, den der Falter-Chefredakteur in diesen Tagen auf Twitter ankündigt: "Der Falter hat sich dazu entschlossen, nicht weiter über die Wüsten-WM zu berichten", schreibt Florian Klenk am Donnerstagmorgen auf der Kurznachrichtenplattform. Der Tweet findet viel Beachtung auch bei deutschen Medienprofis. 

Klenk verlinkt einen Artikel von Lukas Matzinger, Politik-Redakteur beim Falter. Die Fußball-WM in Katar sei der größte Sündenfall des Weltfußballs, schreibt Matzinger in seinem Text Die Schande von Katar.

"Wenn sogar Sepp Blatter die WM in Katar einen 'großen Fehler' nennt, weiß man, wie viel da schiefgelaufen sein muss. Der Präsident des Weltfußballverbands FIFA war zeit seines Amtes von 1998 bis 2016 des Amtsmissbrauchs, der Korruption und Veruntreuung verdächtig. Das Turnier in Katar nennt heute aber selbst er einen 'Irrtum'", schreibt Matzinger. 

Allen Enthüllungen über Ausbeutung und Korruption zum Trotz werde ab Sonntag eine Fußball-WM im Winter in der Wüste auf einen Schlag die Albträume von Fußballromantikern, Kapitalismuskritikern und Klimaaktivisten wahrmachen. Von diesem Turnier werde bleiben, dass man mit Geld wirklich alles kaufen könne. Matzinger führt an, dass als bisher teuerste WM die in Brasilien 2014 mit 15 Milliarden Dollar galt. Katar soll 220 Milliarden ausgegeben haben.

Der Falter habe sich dazu entschlossen, nicht weiter über die Wüsten-WM zu berichten: "Keine Wuchtelwette zum Mitmachen, keine Rasenhasen zum Anschauen, keine lustigen Spielzusammenfassungen. Nichts spricht für dieses Turnier, mindestens acht Gründe dagegen." Dass das österreichische Nationalteam es nicht nach Katar geschafft habe, sei übrigens keiner davon.

Als Gründe für den WM-Boykott gibt die Wochenzeitung u.a. die korrupte Vergabe, die geknechteten Arbeiter, die sinnlosen Bauten, den schlechtmöglichsten Zeitpunkt an. Im letzten Punkt "Der verlorene Fußball" gibt sich Falter-Redakteur Matzinger keinen Illusionen hin:

"Die WM in Katar mag der offensichtlichste Sündenfall des Weltfußballs sein, aber überraschend war er nicht. Die Sportar tist schon viele Jahre vor dem kommenden Sonntag falsch abgebogen. Katar zum Beispiel sponsert seit Jahren Riesenvereine wie FC Bayern und FC Barcelona und hat dem französischen Fußballverein Paris Saint-Germain ein groteskes All-Star-Team zusammengekauft. [...] Fußballfreunde müssen schon lange gut wegschauen können. Das Spiel, von dem sie dachten, dass es ihres ist, ist heute Geldautomat, Imagedusche, Ausbeuterei. Doch wenn am Sonntag um 17 Uhr MESZ im Al-Bayt-Stadion die Lichter angehen, wenn Shakira oder sonst wer zur Eröffnungsfeier die Bühne besteigt und wenn der Ball sich erst einmal bewegt, werden Millionen Fans ihre Zweifel schon wieder vergessen haben."

Lesetipp: kress pro-Chefedakteur Markus Wiegand hat in seinem Artikel Weltmeister der Doppelmoral: Die scheinheilige Katar-Kritik von ARD und ZDF kommentiert, dass die Öffentlich-Rechtlichen verschweigen, dass sie selbst Teil des Systems sind, das sie journalistisch so eifrig kritisieren.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.