Zu viele Ideen, zu wenig erledigt: So arbeiten Medienprofis ohne ständigen Stress

 

Schon in normalen Zeiten ist es nicht einfach, sich auf das langfristig Wichtige zu konzentrieren und es zu erledigen. Ständig kommen andere Verpflichtungen und Wünsche dazwischen, dazu immer neue Ideen. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Sie Ihre Ziele trotzdem erreichen.

Eine Redakteurin blickte frustriert auf das Jahr zurück. Es war anstrengend und hektisch gewesen. Aber sie war kaum weitergekommen mit dem, was ihr wirklich wichtig war. Sie wollte sich eine nebenberufliche Selbständigkeit aufbauen, mittelfristig vielleicht sogar eine kleine Agentur gründen. Doch ständig war im Job etwas oder ihr Kind krank. Nicht einmal ihre Webseite wurde fertig. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr geschäftliche Wege fielen ihr zudem ein. Oder sollte sie doch ihre Karriere im Verlag fortsetzen? Das war sicherer. Oder mehr riskieren? Eine Idee war, zukünftig von Spanien aus zu arbeiten.

Schon in normalen Zeiten ist es für die meisten Medienprofis nicht einfach, sich auf das langfristig Wichtige zu konzentrieren und es zu erledigen. Ständig kommen andere Verpflichtungen und Wünsche (z.B. Urlaub) dazwischen, dazu immer neue Ideen, die oft nicht zu den anderen passen. Umso mehr, wenn die Zeiten bewegt und unsicher sind, damit voller zusätzlicher Sorgen und Ablenkungen. Doch das ist normal für jeden Menschen, der kreativ und auf der Suche ist: Viele Unklarheiten und Möglichkeiten. Wer davon nicht ewig zurückgehalten werden will, muss konstruktive Wege finden, damit umzugehen.

Ideen als kreativen Vorrat für später

Es ist Fluch und Segen zugleich, ständig neue Ideen zu haben, die man nie alle umsetzen kann. Das frustriert und wirkt wie ein ständiger Vorwurf an sich selbst. Aber sehen Sie es so: Immer noch besser, als wenn Ihnen nichts mehr einfallen würde. Auch solche Zeiten kann es geben. Sammeln Sie also besser alle Ideen – aber ohne den Anspruch, sie sofort umsetzen zu müssen. Sondern: Als kreativen Vorrat, an dem Sie sich später schrittweise bedienen können. Wenn das eine erledigt ist, kann das nächste kommen. Damit setzen Sie sich weniger unter Druck, sondern gewichten und teilen Ihre Ressourcen überlegt ein.

Schreiben Sie alle Verpflichtungen und Ideen auf. Was notiert ist, geht Ihnen nicht mehr ständig durch den Kopf. Stattdessen beginnen Sie dann, Ihre Notizen zu ordnen, mögliche Aspekte und Fragen zu ergänzen. Möglicherweise nutzen Sie zuerst ein Textdokument, eine Notizen-App oder auch den Terminkalender dafür. Meine Empfehlung wäre, bald auf eine Aufgaben- oder Projektmanagement-Anwendung zu wechseln. (Ich nutze beruflich und privat die kostenlose Variante von Asana). So gewöhnen Sie sich an, alles fortlaufend an einem Ort zu sammeln, geordnet und langfristig zu planen, schrittweise abzuarbeiten.

Festlegen, was Ihr wichtigstes Ziel ist

Entscheiden Sie sich für ein Kriterium, nach dem Sie Ihre Aktivitäten ausrichten wollen, denn alles gleichzeitig überfordert jeden. Was ist Ihnen aktuell und in nächster Zukunft besonders wichtig: Mehr Geld verdienen z.B., mehr persönliche Freiheit und Zeit, eine interessantere, sinnvollere Tätigkeit? Konzentrieren Sie sich darauf und gehen Sie nur Ideen an, die Sie in diese Richtung führen. Alles andere kann warten, bis dieses Ziel erreicht ist. Beispiel: Sie wollen Ihre Einnahmen mit einer nebenberuflichen Selbstständigkeit steigern. Dafür braucht es eine Geschäftsidee, eine verkaufsorientierte Webseite, dann direkte Akquise. Auch wenn ein Blog und ein Podcast auch schön wären – sie bringen kaum Umsatz.

(Wenn Kundenakquise für Sie eine Herausforderung ist: Über praktische Tipps dazu habe ich mit dem DJV Baden-Württemberg beim „Freien-Podcast” gesprochen.)

Planen Sie im Kalender 2-3 kleine Zeitfenster (je 30 bis 90 Minuten) pro Woche ein, in denen Sie sich um Ihre wichtigen Projekte kümmern wollen. Nicht immer nur um das, was gerade drängt oder andere von Ihnen wollen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Sie – trotz aller Verpflichtung – regelmäßig etwas dafür tun, auch wenn vieles andere anliegt. Beispiel: Sie würden gern ein Buch schreiben und müssten als ersten Schritt nun ein ca. sechsseitiges Exposé schreiben. Der erste Entwurf kann an einem Abend erledigt sein, die Überarbeitung an einem zweiten. Schon sind Sie bereit, es Verlagen anzubieten.

Etwas erledigen oder bewusst ausruhen

Allerdings bemerken viele, dass sie aktuell (seit 2020) nicht so leistungsfähig und effektiv wie sonst sind, u.a. wegen Krankheit, Sorgen und Ängsten. Seien Sie hier nachsichtig mit sich. Planen Sie mehr Pausen als sonst ein, z. B. eine halbe Stunde Schlaf am späten Nachmittag, wenn Sie abends noch etwas erledigen wollen. Reichen Zeit und Kraft nicht für den Sport, belebt schon ein zehnminütiger Spaziergang ein wenig. Achten Sie darauf, dass Sie entweder etwas erledigen – oder sich ausruhen. Vermeiden Sie dagegen möglichst alles dazwischen, z.B. übermüdet noch ewig mit Facebook oder Netflix verbringen.

Mancher Medienprofis ärgert sich über seine vermeintliche Willensschwäche, wegen der er wohl "so wenig schafft". Aber daran liegt es selten. Meist fehlen ein klares, attraktives Ziel und die Prioritäten in Bezug auf Ideen und Umsetzung. Ein entscheidender Faktor ist, in welcher Phase Ihrer Karriere Sie gerade sind: Ob Sie im Job durchstarten, lieber weniger Kraft investieren oder sich ganz umorientieren wollen. Alles hat, über Ihre gesamte berufliche Biografie gesehen, seine Zeit. Aber auch hier bringt Sie Klarheit darüber weiter, was Ihnen persönlich in Ihrer aktuellen Lebensphase am wichtigsten ist.

Die meisten Ziele entwickeln sich auf dem Weg dahin weiter, konkretisieren sich und erleben auch wichtige Korrekturen. Beispiel: Sie bewerben sich immer wieder auf eine bestimmte Art Stelle, aber nie mit Erfolg. Das deutet darauf hin, dass Sie für etwas anderes bestimmt sind und gezielt Alternativen entwickeln sollten. Legen Sie also die grobe Richtung fest, in die Sie sich entwickeln wollen. Vertrauen Sie anschließend darauf, dass sich daraus eine Eigendynamik ergibt, die Sie weiterträgt, wenn Sie konkret etwas umsetzen, nicht nur immer weiter überlegen. Sie müssen gar nicht alles perfekt vorher wissen und planen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

Sind Sie zufrieden mit ihrem Arbeitgeber?

Wir recherchieren Woche für Woche alle Jobangebote aus der Branche und machen daraus einen Newsletter. Ein Blick auf Ihren Marktwert lohnt sich immer. Vielleicht stimmt ja der Job, nicht aber das Geld.

Sie stellen ein? Hier können Sie Ihre Stellenanzeige aufgeben.

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.