Chefs mit geringem Gehalt: Ist ein guter Jobtitel es wert, für wenig Geld zu arbeiten?

 

Bedeutsam klingende Stellenbezeichnungen, aber weder das Gehalt noch die Mitspracherechte passen dazu: Viele Medienprofis finden sich heute in dieser Lage wieder. Mediencoach Attila Albert sagt, wann es sich lohnt, einen Job wegen des Titels anzunehmen - und wie lange höchstens.

Der Chefredakteur eines Fachmagazins mochte sein Themengebiet und war froh, dass er redaktionell weitgehend frei entscheiden konnte. Allerdings hatte er nur zwei Planstellen, und sein Geschäftsführer ließ ihn völlig im Unklaren darüber, wie viel Budget insgesamt verfügbar war. Er musste fallweise anfragen und durfte auch nicht mitbestimmen, wie es verteilt wurde. Sein Jahresgehalt betrug 55.000 Euro, was ihm für seine Aufgaben viel zu niedrig erschien. So fragte er sich zunehmend: War er wirklich eine Führungskraft?

Vor zehn Jahren haben sich viele von uns noch über die amerikanische Berufswelt amüsiert, wo bedeutsam klingende Jobtitel seit langem inflationär vergeben werden. Nun ist auch bei uns fast jeder Sachbearbeiter ein "Manager". Das ist in vielen Medienhäusern ähnlich, mehr noch im PR- und Agenturumfeld, wo selbst Einstiegspositionen regelmäßig als "Director" ausgeschrieben werden und man für angebliche "Senior"-Stellen am besten höchstens Anfang 30 sein sollte: Eindrucksvoller Titel, unterdurchschnittliches Gehalt, sehr viel Arbeit. Wiegt der äußere Prestige-Gewinn das auf? Dazu heute einige Gedanken.

Personal führen und Einblick ins Budget

Eine Führungskraft ist grundsätzlich jemand, der in leitender Position tätig ist: Sie führt Mitarbeiter und hat darüber hinaus meist Budget- und Sachverantwortung (z. B. im redaktionellen Bereich für die Produktion einer Publikation). Nachfolgende Kriterien deuten darauf hin, dass Sie nur dem Jobtitel nach eine Führungskraft sind:

  • Sie haben keine Sachverantwortung, sondern führen hauptsächlich aus, was andere Ihnen auftragen. Ihr Mitspracherecht ist eng begrenzt.

  • Die Zahl der (angestellten) Mitarbeiter, die Sie führen, ist minimal. Oder Sie führen sogar nur informell, ohne dass Weisungsvollmacht besteht.

  • Von Budget-Entscheidungen sind Sie ausgeschlossen. Den Stand Ihres Budgets erfahren Sie nicht (z. B. per monatlichem Kostenstellen-Bericht).

  • Sie verdienen nicht wesentlich mehr als ihre Mitarbeiter und haben selbst den Eindruck, dass Ihr Gehalt deutlich zu niedrig für Ihre Position ist.

  • Am Erfolg sind Sie nicht beteiligt, z. B. durch eine jährliche Prämie (Bonus, Tantieme), einen erfolgsabhängigen Gehaltsanteil, Aktienoptionen. 

  • Sie erhalten keine Extras, die Sie von Ihren Mitarbeitern unterscheiden, z. B. ein eigenes Büro, Diensthandy, Dienstwagen oder Bahncard.

Nicht zu lange hinnehmen, um sich nicht daran zu gewöhnen

In Teilen gab es das schon früher, vor allem bei den großen Medienhäusern: Eigentlich nicht zutreffende Jobtitel (z. B. "verantwortlicher Redakteur", "Chefreporter", "Textchef") für Redakteure ohne echte Führungsaufgaben außer gelegentlicher Vertretung. Meist handelte es sich dabei um eine Zugabe für Mitarbeiter, die man halten oder ihrem Vertrag entsprechend einstufen wollte. Der große Unterschied: Hier stimmte das Gehalt (z. B. 85.000 Euro als faktischer Redakteur) und waren die Arbeitsmöglichkeiten attraktiv.

Wenn Sie aktuell in einer Führungsposition arbeiten, die nicht entsprechend vergütet und ausgestattet ist, sollten Sie sich dafür eine Frist setzen. Meine Empfehlung: maximal zwei Jahre. Sie werden viel später nicht mehr die Entschlusskraft aufbringen, wenn Sie sich erst einmal am aktuellen Standort eingerichtet haben, vielleicht noch mit Partner und Kindern. Es empfiehlt sich immer, mit dem Arbeitgeber über mögliche Verbesserungen zu verhandeln. Die Erfahrung zeigt aber, dass schon aus Budgetgründen die Grenzen eng sind.

Bei einigen Klienten habe ich erlebt, dass ihre Arbeitgeber erst ein substanziell besseres Angebot vorlegten, nachdem sie die angedrohte Kündigung eingereicht hatten. Allerdings war dann ihre Neigung, darauf noch einzugehen, meist gering. Denn natürlich hatten sie zu diesem Zeitpunkt bereits einen neuen Arbeitsvertrag, sonst hätten sie die Drohung nicht riskiert. Zudem war ihnen die Lust vergangen, bei einem Unternehmen zu arbeiten, bei dem sie für ein angemessenes Gehalt erst bis zum Äußersten gehen mussten.

Kann sinnvoll sein, sie trotzdem anzunehmen

Eine häufige Frage im Coaching ist: Soll ich eine angebotene Position wegen des Titels annehmen, auch wenn Gehalt und Einfluß niedrig sind? Wie so oft, hängt das von Ihrer persönlichen Situation und Ihren Zielen ab. Brauchen Sie ein hohes Gehalt (z. B. wegen Ihrer Lebenshaltungskosten, weil es für Sie ein Zeichen der Anerkennung ist)? Ist Ihnen ein großes Team wichtig (z. B. weil Sie aufwändige Recherchen beauftragen wollen)? Dann sollten Sie nicht zusagen, weil Sie bald unglücklich über Ihre Entscheidung wären.

In anderen Konstellationen kann es dagegen sinnvoll sein: Wenn Sie die inhaltliche Aufgabe und das Unternehmen ansprechen, Sie damit einem schwierigen Job anderswo entkommen, bei Arbeitslosigkeit nichts Besseres finden oder Ihr Profil verbessern. Typische Situation hier: Es gelang Ihnen bei Ihrem aktuellen Arbeitgeber nie, eine Führungsposition zu erhalten. Mit zunehmendem Alter wurden Ihre Bewerbungen mit der Begründung abgelehnt, dass Sie keine Führungserfahrung hätten. Sie entkommen Sie diesem Dilemma, indem Sie in eine Führungsposition bei einem kleineren Unternehmen wechseln, auch wenn sie zu gering bezahlt ist. Eventuell können Sie einige Jahre später zu Ihrem alten Arbeitgeber zurückkehren, dann aber - mit Ihrer neuen Erfahrung - in eine leitende Position.

Allerdings ist diese Strategie den kleineren Medienhäusern - oft Fachverlage, Regional- und Lokalmedien - bekannt. Manche mussten deswegen neu besetzte Führungspositionen schon nach drei bis sechs Monaten wieder ausschreiben. So werden sie bei Bewerbern misstrauisch, die sich nicht festlegen, beispielsweise nicht an den Arbeitsort ziehen wollen. Hier scheint es mir für beide Seiten fair, für mindestens drei Jahre zuzusagen: Sie nehmen das geringere Gehalt hin, profitieren dafür vom Imagegewinn. Der Arbeitgeber kann in dieser Zeit auf Sie setzen. (Für individuelle Fragen senden Sie mir gern eine Nachricht).

Für Jüngere oft ein Abschied von Förderern

Für junge Medienprofis bringt die erste Führungsposition generell viele unerwartete Herausforderungen mit sich. Wenn Sie feststellen, dass sie für Ihre Aufgaben zu gering bezahlt werden, erfordert der nächste Schritt besondere Überwindung - schon mangels eigener Erfahrung und wegen eines oft ausgenutzten Idealismus. Doch es ist ein Teil der persönlichen Reifung, sich von Förderern und Mentoren zu emanzipieren, denen man dankbar für die erhaltene Chance ist. Manche ältere Vorgesetzte freuen sich über den Aufstieg ihres Schützlings, andere nehmen es wie eine aufgekündigte Freundschaft auf.

Die Loyalität zum Arbeitgeber und eigene Interessen lassen sich allerdings oft nur schwer miteinander vereinbaren. Entscheiden sollte der Blick auf das Gesamtpaket, von dem der Jobtitel nur ein Teil ist. Im Ausnahmefall kann er - aus erwähnten strategischen Gründen - zeitweise besonders wichtig sein. Normalerweise zählen aber die harten Fakten: Ihre Aufgaben, Möglichkeiten der Mitsprache und Umsetzung, Gehalt, Extras. Vor allem aber: Ob Ihnen Ihre Arbeit insgesamt Freude macht. Denken Sie immer wieder darüber nach, ob es passt, haben Sie die Antwort bereits: Nein, eigentlich wollen Sie weg.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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