Boris-Becker-Interview auf Sat.1: Wie die Kritik von SZ, Spiegel & Focus ausfällt

21.12.2022
 

Das Exklusiv-Interview mit dem aus der Haft entlassenen Tennisstar Boris Becker hat sich für Sat.1 quotenmäßig nicht besonders ausgezahlt. Viele schauten zwar rein, zappten aber weiter. Holger Gertz von der Süddeutschen Zeitung stellt Interviewer Steven Gätjen kein gutes Zeugnis aus.  

Das mehr als zweistündige "Sat.1 Spezial. Boris Becker" wollten am Dienstagabend im Schnitt gerade einmal 1,55 Millionen Menschen sehen (5,8 Prozent). Das sind etwa 200 000 bis 300 000 Zuschauer mehr, als der Privatsender gewöhnlich mit der Krimiserie "Navy CIS" auf demselben Sendeplatz erzielt. Jedoch schalteten deutlich mehr - 5,2 Millionen - mal in das Becker-Interview hinein und zappten dann nach kurzer Zeit weiter, wie der Branchendienst dwdl.de und die AGF Videoforschung am Mittwoch darlegten.

Die Medienkritik zu dem Interview fällt ganz unterschiedlich aus. Holger Gertz schreibt in seinem Artikel "Lernen mit dem Come-Becker" in der Süddeutschen Zeitung:

"Der ehemalige Tennisstar und Wimbledon-Sieger spricht bei Sat 1 über seine Zeit im britischen Gefängnis. Er redet über diese Erfahrung wie über ein Match, während sich der Moderator im Wald voller Ausrufezeichen verheddert."

Eine halbe Million Euro soll Sat.1 das Exklusiv-Gespräch wert gewesen sein, und da sei das Schmerzensgeld natürlich inklusive: Weil derjenige, der diese Summe einstreiche, sich dafür auch von einem sogenannten Moderator wie Steven Gätjen anmoderieren lassen müsse, stichelt Gertz in seiner SZ-Kritik. Er zitiert Sätze wie "Gleich werde ich mich mit dem wohl berühmtesten Ex-Häftling Deutschlands unterhalten, ihn zur Rede stellen und nachhaken" und "Wir werden schonungslos fragen und verlangen ehrliche Antworten" von Gätjen. Doch diese verheddere sich im Wald voller Ausrufezeichen. Gätjen sei überfordert, denn er habe sich zum Vorgespräch schon in allerhöchste Gefahr begeben, da sei Becker noch nicht in Freiheit gewesen, und man habe "persönlich und hinter Gittern" gesprochen.

Die wichtigste Frage, wie Becker alles so in den Sand setzen konnte, bleibt für Holger Gertz offen:

"Sie haben nach dem Gespräch bei Sat 1 noch eine Dokumentation über Becker gezeigt, und alle darin Befragten können und konnten sich schwer erklären, wie jemand, der so erfolgreich und reich war wie Boris Becker, alles derart in den Sand setzen kann. Im Interview erklärt Becker es nicht, und Gätjen will es gar nicht richtig wissen, er duzt ja schließlich den Mann, den er 'zur Rede stellen' wollte."

Für Focus Online-Redakteurin Paula Zoe Kessler war das TV-Interview dagegen "großes Kino": "Am Dienstagabend wurde bei Sat.1 das erste Gespräch  mit Boris Becker nach dessen Haftentlassung gezeigt. Es gab zahlreiche Tränen, schockierende Geständnisse und eine romantische Liebeserklärung", schreibt Kessler.

Anja Rützel kritisiert im Spiegel ("Boris Beckers Knastmoritaten"), dass das Gespräch zu schnell vom sachlich Greifbaren weggetrudelt sei. Steven Gätjen sei aufs Gefühl gegangen und haben Emotionen abgefragt:

"Mit welchem Gefühl Becker in seinen Prozess gegangen sei, mit welchem Gefühl er auf das Urteil gewartet habe, wie das denn sei, wenn man von geliebten Menschen getrennt werde, von 'der Liebe deines Lebens'," habe Gätjen "so semi-distanziert" gefragt.

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