Warum ZDF-Intendant Himmler gegen eine Fusion mit der ARD ist - und für eigenständige Mediatheken plädiert

28.12.2022
 

Eine Rede von WDR-Chef Tom Buhrow hat die Debatte um eine Fusion von ARD und ZDF wieder angefacht. ZDF-Intendant Norbert Himmler hält eine solche Machtkonzentration für falsch. Im dpa-Interview findet er auch keine Argumente für eine gemeinsame Mediathek mit der ARD.

 ZDF-Intendant Norbert Himmler ist gegen eine Fusion mit der ARD. "Ich finde es falsch, den publizistischen Wettbewerb von ARD und ZDF infrage zu stellen. Ich halte ihn für essenziell", sagt der Chef des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Mainz im Gespräch mit Anna Ringle und Jan Brinkhus von der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist wichtig, dass wir in Deutschland einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben, der an entscheidenden Stellen auch im Wettbewerb steht und deshalb auch Pluralität, Vielfalt und Qualität zutage fördert."

Himmler ergänzt: "Stellen Sie sich vor, wir hätten nur noch eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung in Deutschland oder nur noch von einem Sender Wahlberichterstattung. Das wäre eine Machtkonzentration in einer Hand, die gerade in Zeiten, in denen gefordert wird, dass Macht möglichst verteilt sein sollte, wirklich falsch ist."

In der Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist zuletzt der Gedanke einer Fusion von ZDF und ARD wieder stärker diskutiert worden. Ein Auslöser dafür war eine Rede des Intendanten des größten ARD-Senders Westdeutscher Rundfunk (WDR), Tom Buhrow, vor einigen Wochen. Darin hatte er eine tiefgreifende Neuordnung der Rundfunklandschaft angeregt und dabei auch das Thema Fusion gestreift.

Mit Blick auf das ARD-Gemeinschaftsprogramm Das Erste und das Hauptprogramm des ZDF hatte Buhrow formuliert: "Die erste Frage - glaube ich -, die wir uns stellen müssen, ist: Will Deutschland im 21. Jahrhundert weiter parallel zwei bundesweite, lineare Fernsehsender? Wenn nicht: Was heißt das? Soll einer ganz verschwinden und der andere bleiben? Oder sollen sie fusionieren, und das Beste von beiden bleibt erhalten?"

Das ZDF spürt - wie viele andere Medienhäuser und andere Wirtschaftsbranchen auch - Preiserhöhungen, die unter anderem auf die Corona-Pandemie und die Energiepreiskrise zurückgehen. Intendant Himmler sagt im dpa-Gespräch: "Wir haben Preissteigerungen auch hier bei uns im ZDF."

Der Intendant nennt höhere Produktionspreise bei externen Produzenten als Beispiel. "Wir haben jetzt in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren der Pandemie über 50 Millionen Euro Mehrkosten, die die Pandemie verursacht hat, aus unserem Budget gestemmt, ohne dass wir mehr Geld beantragt hätten. Aber das findet auch irgendwann seine Grenzen. Daher ist das, was jetzt mit der Preissteigerung auf uns zukommt, auch etwas, was wir bei der KEF-Anmeldung berücksichtigen müssen."

Zugleich sagt er: "Wir sind gut beraten, angemessen und maßvoll anzumelden. Wir melden das an, was tatsächlich wichtig und notwendig ist, um unseren Auftrag erfüllen zu können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

Ein weiterer Stellenabbau in dem Sender mit Hauptsitz in Mainz mit rund 3500 Beschäftigten steht nicht an. Himmler macht klar: "Wir haben in den letzten zehn Jahren knapp 600 Stellen abgebaut. Da sind wir an einer Grenze angelangt." Er betont auch: "Wenn Sie das Verhältnis von Mitarbeitenden und Budget im ZDF mit anderen öffentlich-rechtlichen Sendern vergleichen, werden Sie feststellen, dass das ZDF schlank aufgestellt ist." Die größte Herausforderung sei, dass bis 2030 über 1000 Kolleginnen und Kollegen das ZDF verlassen werden, weil sie in Rente gehen. "Wir müssen daher für neue Kolleginnen und Kollegen ein attraktiver Arbeitgeber sein."

ZDF-Intendant Norbert Himmler spricht sich weiterhin für zwei eigenständige Mediatheken bei ARD und ZDF aus. Er sagt der dpa: "Ich sehe keine gemeinsame Mediathek, aber ein eng verknüpftes Inhalte-Netzwerk. Was wir redaktionell und journalistisch produzieren, müssen wir auch selbst erkennbar publizieren und präsentieren." Himmler ergänzt: "Das Konzept des gemeinsamen Streaming-Netzwerks sieht vor, dass es in den Mediatheken aber Angebote aus dem ganzen öffentlich-rechtlichen Spektrum gibt. Das ist der große Vorteil für das Publikum."

Der Intendant führt weiter aus: "Gut kuratierte öffentlich-rechtliche Inhalte müssen in Bezug gesetzt und miteinander vernetzt werden, damit die Nutzerinnen und Nutzer sie möglichst einfach und schnell auffinden können. Mein Bild der Zukunft ist ein intelligentes Netzwerk öffentlich-rechtlicher Inhalte, das den wertvollen Wettbewerb um Qualität aber nicht aushebelt."

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders in Mainz spricht sich zudem für Zusammenarbeit über die Grenzen Deutschlands hinaus aus. "Meine Vorstellung ist, dass wir ein deutschsprachiges europäisches Netzwerk haben werden, zusammen mit den Schweizern und Österreichern. Auf dem Weg dahin sind wir jetzt schon, wenn man etwa die Integration von Arte und 3sat in der ZDF-Mediathek betrachtet."

Hintergrund: Der Intendant des größten ARD-Senders Westdeutscher Rundfunk (WDR), Tom Buhrow, brachte unlängst in einer Rede erneut seine vor Jahren geäußerte Idee von einer einzigen großen Mediathek im Jahre 2030 ins Spiel. Bislang arbeiten ARD und ZDF zwar zunehmend vernetzter miteinander, haben aber weiterhin eigenständige Mediatheken.

Im Herbst hatte sich auch WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn für eine große Mediathek mit allen öffentlich-rechtlichen Sendern ausgesprochen. Er sagte damals der dpa: "Ich glaube, wir schulden der Gesellschaft irgendwann ein einziges großes Portal. Einen Eingang, der zu allen öffentlich-rechtlichen Inhalten führt." Er ergänzte: "Meine Vision ist, dass die Öffentlichkeit eine Adresse für gute, wertvolle öffentlich-rechtliche Inhalte hat. Dass sie nicht zwischen Knöpfen oder unterschiedlichen Adressen wählen muss, sondern dass es ein Portal, eine Tür, einen Zugang gibt." Natürlich könne auf diesem großen Portal jeder Sender sein eigenes Angebot haben wie etwa das ZDF, Arte oder der WDR.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.