"Florian wer?": Die lustigste Recherche des Jahres

 

Gibt es Medienhäuser, in denen man den eigenen Verleger nicht kennt? Offensichtlich. kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand über knallharte Recherchen, unverschämte Typen und einen Wunsch: Was vom Medienjahr 2022 bleibt.

Auszug aus dem aktuellen kress pro - Magazin für Führungskräfte in Medien:

Die merkwürdigste Begegnung

Auf einem Kongress sprach ich den Geschäftsführer eines Verlages an, den ich noch nicht persönlich kannte. Statt höflichem Small Talk machte die Führungskraft sehr schnell und etwas zu rüde im Ton unser Arbeitgeber-Ranking (Ausgabe 3/22) zum Thema, bei dem sein Haus einige Monate zuvor leider offenbar nicht so gut abgeschnitten hatte. Im Gegensatz zu einem Wettbewerber. Ich erwiderte sinngemäß, wohl etwas zu frech: Das ist Journalismus, müssen Sie halt aushalten. Damit zog ich den Zorn des Managers vollends auf mich, der eine "professionelle Erklärung" verlangte. Während der Rest des Kongresses längst zum gemütlichen Teil überging, gifteten wir uns eine Viertelstunde etwas zu laut an und gingen dann in stiller Empörung auseinander.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mich an die Einstufung seines Unternehmens gar nicht erinnerte. Wir hatten zig Verlage gelistet und ein wesentliches Kriterium war die Note des Bewertungsportals Kununu. Nach dem Kongress schaute ich in die Daten und sah, dass der Verlag des erregten Geschäftsführers eine sehr schlechte Kununu-Bewertung hatte: 88 Prozent der Wettbewerber waren besser. Ich vermute, dass er nicht auf die Idee kommt, dass das an seinem persönlichen Auftritt liegen könnte.

Die lustigste Recherche

Für dieses Heft wollte ich eine Mail-Anfrage an den Verleger Florian Ebner senden, weil uns Querelen unter den Gesellschaftern der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) zu Ohren gekommen sind, deren Anteilseigner Ebner ist (siehe Seite 87). Also Anruf bei seiner Neuen Pressegesellschaft mit der Bitte, mit dem Sekretariat von Florian Ebner verbunden zu werden. Eine sehr freundliche Stimme am Empfang fragt: "Florian wer?" Ich: "Ebner." Empfang: "Können Sie das bitte buchstabieren?" Ich: "E-B-N-E-R." Empfang: "Den gibt es hier nicht." Ich: "Das ist der Besitzer des Unternehmens, der Verleger." Empfang: "Ich kann nur sagen: Den haben wir hier nicht." Nächster Anruf bei der "Südwest Presse". Auch dort kannte man am Empfang den eigenen Verleger nicht. Ich fragte mich dann durch und bekam die E-Mail-Adresse. Er antwortete allerdings nicht. Vielleicht gibt es ihn also wirklich nicht. 

Am meisten gelernt über Journalismus ...

... habe ich von GerBen van't Hek, der in den Niederlanden für eine Gruppe von Regionalzeitungen arbeitet, die zum belgischen Mediahuis-Konzern zählen (der Anfang des Jahres in Aachen eingestiegen ist). GerBen und seine Crew sind europaweit führend beim Thema Data Analytics und Digitalvertrieb. Sie messen, wie viele Leute durch welche Themen an die Paywall stoßen, und sie messen, welche Themen die Abonnenten wie gut lesen. Dazu hat GerBen die Fähigkeit, die Mitarbeiter beim Thema Daten mitzunehmen. Seine Leitsätze: Jeder kann nur mit sich selbst verglichen werden. Und: Wir können nicht scheitern, wir können nur lernen und besser werden. (Sie finden den Case dazu in Ausgabe 1/2022. Sind Sie Abonnent? Dann sende ich Ihnen gerne schnell das PDF. Mail oder Anruf genügt.)

GerBen hielt übrigens beim European Publishing Congress in Wien in diesem Jahr den am meisten beachteten Vortrag. Am 21. und 22. Juni 2023 findet die Veranstaltung im Palais Niederösterreich wieder statt. Setzen Sie sich schon mal eine Markierung in Ihrer Jahresplanung, wenn Sie kommen wollen. Es lohnt sich. (Infos: www.publishing-congress.com)

Am meisten gelernt über Sie, ...

... die geschätzten Leserinnen und Leser, habe ich durch einen Blick auf die Verkaufszahlen von "kress pro" im Jahr 2022. (Leider sind wir beim Thema Analytics noch nicht so weit wie GerBens Team.) Das erfolgreichste Heft im Einzelverkauf war die Ausgabe 6/2022: "Wie Profis jetzt Digitalabos verkaufen". Sehr schlecht lief der Absatz dagegen für die Ausgabe 5/2022: "So steht es im Kampf ums Google-Geld". Ich finde es ein bisschen betrüblich, dass es uns nicht gelungen ist, das Thema besser in der Szene zu verankern, denn es ist durchaus möglich, nennenswerte Summen nach dem deutschen Leistungsschutzrecht zu bekommen, wenn die Branche zusammensteht. Zu oft lassen sich gerade die Kleinen von Google über den Tisch ziehen.

Was sich 2023 ändern sollte:

Wir sollten alle weniger Stuss auf Linkedin schreiben.

[...]

Werfen Sie bitte einen Blick auf die Titelthemen in der aktuellen kress pro 10/2022:

Der Medien-Manager des Jahres: Andreas Arntzen hat die Ergebnisse des Wort & Bild Verlags gesteigert und investiert gezielt in Zusatzgeschäfte und das Digitale. Was er beim Umbau des Traditionshauses gelernt hat.

Kress Awards 2022: Wer in diesem Jahr Außergewöhnliches geleistet hat.

"Kreativität? Null!": Wie hart Ex-RTL-Chef Helmut Thoma mit der Branche und Bertelsmann ins Gericht geht.

Video-Vermarktung: Wie der "Spiegel" seine Erlöse steigert.

Jetzt die große kress pro-Jahresendausgabe bestellen.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.