Spiegel räumt Fehler bei Berichten über angeblich totes Flüchtlingskind ein und zieht Konsequenzen

02.01.2023
 

"Wir haben tatsächlich Fehler gemacht", schreibt der Spiegel "in eigener Sache". Das Magazin hatte mehrere Beiträge über Geflüchtete am Grenzfluss Evros veröffentlicht. Dort hieß es auch, ein syrisches Kind sei gestorben, weil Griechenland keine Hilfe geleistet habe. Wie der Spiegel den "Fall Maria" nun aufarbeitet.

Im Sommer 2022 veröffentlichte Der Spiegel auf seiner Website drei Beiträge, die vom Schicksal einer Flüchtlingsgruppe am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros handelten. Dazu gab es auch einen Podcast. Der Vorwurf, der in diesen Berichten erhoben wurde: Die griechische Regierung habe den gestrandeten Flüchtlingen nicht geholfen, obwohl dies ihre Pflicht gewesen wäre. Infolge der unterlassenen Hilfeleistung sei sogar ein fünfjähriges syrisches Mädchen gestorben. Der Spiegel sah in dem Kind eine Symbolfigur für das Leiden der Geflüchteten an den EU-Außengrenzen und stellte dies in seiner Berichterstattung entsprechend dar.

Der angebliche Tod von Maria, über den auch andere Medien berichteten, führte in der griechischen Öffentlichkeit zu einer breiten Debatte. Viele sahen Unstimmigkeiten. "Ein Leser kontaktierte direkt ein Mitglied unserer Ombudsstelle und auch der griechische Migrationsminister Notis Mitarachi hat der Chefredaktion des Spiegel aufgrund dieser Beiträge am 19. September einen Brief zukommen lassen, in dem er schreibt: Die Migranten seien nicht auf griechischem Boden gewesen, es habe nie ein totes Kind gegeben", schreibt der Spiegel nun in einem Artikel "in eigener Sache".

Das Hamburger Nachrichtenmagazin stellt dabei klar:

"Wir nehmen kritische Zuschriften ernst, unsere Ombudsstelle schaute sich die Beiträge noch einmal genauer an. Als auch bei ihr die Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse größer wurden, haben wir die Artikel und den Podcast vorläufig von unserer Website entfernt. Mit dem Vermerk, dass wir unsere Berichterstattung überprüfen und nach Abschluss der Recherchen entscheiden, ob wir die Beiträge gegebenenfalls in korrigierter und aktualisierter Form erneut veröffentlichen.

Diese Art, mit Fehlerhinweisen umzugehen, haben wir in unseren Standards verankert, und daran halten wir uns auch. Die Ombudsstelle wertete zahlreiche interne Dokumente, Videos und Fotos mit Metadaten, Chatprotokolle, E-Mails, Audiodateien, Satellitenaufnahmen und andere Unterlagen aus, sprach mit vielen Beteiligten und kam zum Ergebnis, dass wir tatsächlich Fehler gemacht haben."

Ein Team von Spiegel-Journalisten sei zudem noch einmal in die Recherche eingestiegen, um die Geschichte der Flüchtlinge zu rekonstruieren. "Da die Grundsätze des Informanten- und Quellenschutzes für uns nicht verhandelbar sind und wir unseren Mitarbeitern gegenüber auch eine Fürsorgepflicht haben, können wir die Ergebnisse unserer Untersuchung und der Nachrecherche, die zum Teil auf der Auswertung interner Kommunikation zwischen Autoren und Informanten beruht, im Rahmen des folgenden Beitrags nur begrenzt öffentlich machen. Sie sind aber Gegenstand einer internen Aufarbeitung", heißt es weiter.

Der Spiegel geht in seinem Artikel "in eigener Sache" ausführlich auf diese zwei Fragen ein: "Waren die Geflüchteten auf griechischem oder türkischem Boden?", "Gab es Maria?".

Das Magazin kommt zu folgendem Fazit:

"Angesichts der Quellenlage hätte der Spiegel die Berichte über den Aufenthaltsort der Geflüchteten und vor allem den Tod des Mädchens deutlich vorsichtiger formulieren müssen. Auch wenn ein letztgültiger Beleg fehlt, deutet doch manches daraufhin, dass einige der Geflüchteten den Todesfall in ihrer Verzweiflung erfunden haben könnten. Möglicherweise dachten sie, dass sie dann endlich gerettet würden."

Die Konsequenz: Der Spiegel wird die früheren Beiträge zum Fall Maria nicht mehr auf die Onlineseite stellen - auch nicht in überarbeiteter Fassung: "Zu vieles darin müsste korrigiert werden." Stattdessen hat der Spiegel jetzt die Ergebnisse der vertieften Recherche veröffentlicht.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.