Mehr Frauen in Führungspositionen: Was Giovanni di Lorenzo, Gregor Peter Schmitz, Jürgen Kaube und Judith Wittwer dazu sagen

03.01.2023
 

Der Verein ProQuote Medien hat den Chefredaktionen deutscher Leitmedien einen Besuch abgestattet. Das Thema: Mehr Frauen in Führungspositionen und mehr Diversität in Redaktionen und Redaktionsleitungen. Was sich bei Zeit, Stern, FAZ, SZ, Spiegel & taz tut - und was nicht.

ProQuote Medien hat im Jahr des zehnten Vereinsjubiläums Chefredakteurinnen und Chefredakteure von FAZ, Spiegel, Stern, SZ, taz und Zeit in ihren Büros besucht und nachgefragt: Wie viel ist dran an den Versprechungen, mehr Frauen und Frauen mit diversen Hintergründen in wichtige Positionen zu befördern? Was hat sich verbessert seit der Gründung von ProQuote vor zehn Jahren? Woran hakt es noch? Und wann werden es deutsche Medien schaffen, die ProQuote-Forderung nach 50 Prozent Frauenmachtanteil zu erfüllen?

Die FAZ ist dabei für ProQuote Medien ein Sorgenkind: Die Tageszeitung landete bei der letzten Leitmedienzählung auf Platz 9 von 9 Plätzen. Der gewichtete Frauenmachtanteil lag nur bei 23,9 Prozent und hat sich fast gar nicht verändert zu der vorigen Zählung. Jürgen Kaube, einer der vier Männer im vierköpfigen Herausgebergremium, das bei der FAZ eine klassische Chefredaktion ersetzt, sei immerhin bereit zum Gespräch mit dem ProQuote-Vorstand gewesen, habe aber kaum Problembewusstsein gezeigt.

Ein Problem wäre nur ein "drastisches Ungleichgewicht" bei der Geschlechterverteilung, sagte Kaube demnach zu ProQote-Medien. Vielfalt zeige sich ohnehin nicht nur an Kriterien wie Geschlecht, sondern auch an vielfältigem Denken. Er habe nichts gegen Frauen in Führungspositionen, aber gezielt fördern müsse man die nicht. "Die Fähigkeit, die Gesellschaft abzubilden, hängt davon ab, dass man gute Journalisten hat, nicht woher sie kommen oder welches Geschlecht sie haben", sagte Kaube. "Die Leser machen sich keine Gedanken über unser Organigramm." Es würde sich bei Beförderungen stets der oder die Beste durchsetzen. Die FAZ sei in der Vergangenheit männerdominiert gewesen - durch die vergleichsweise kleine Redaktion und wenig Fluktuation in der Belegschaft dauere der Wandel eben länger.

Über den Besuch beim Stern berichtet der ProQuote-Vorstand: "Es wurde deutlich, wie sich der Stern um mehr Frauen in Führung bemüht: Dass in den Redaktionskonferenzen zum Beispiel immer wieder über das Frauenbild diskutiert wird, das man transportiert. Oder dass es um Expertinnen geht, die zu Wort kommen. Auch die Stern-Bildsprache sei Thema - sowohl die im Magazin, als auch die auf den Titeln." Früher konnte man etwa darauf wetten, auf dem Cover eines Rückenschmerzen-Spezials eine nackte Frau zu sehen. Die Zeiten seien vorbei, so Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und Stellvertreterin Laura-Lena Förster. Ihnen sei wichtig, keine Stereotype zu zementieren, sondern ein modernes Frauen- und Familienbild abzubilden. 

Nichtsdestotrotz sackte der Stern in der Leitmedienzählungen von ProQuote zuletzt ab. Zurzeit liegt er nur noch bei 42,4 Prozent. Noch im Januar 2021 hatte es der Stern auf 51,1 Prozent gebracht. 

Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo habe während des ProQuote-Tour-Stopps die Fortschritte betont. Jungen Redaktions-Kolleginnen, die vorher übersehen wurden, würden mittlerweile Aufstiegsmöglichkeiten gegeben und alte Hierarchien dadurch aufgemischt. Die Zeit wolle in Zukunft mehr Frauen auf der ersten Seite sichtbar machen und grundsätzlich mehr Leitartikel von Journalistinnen bringen.

In München war ProQuote mit Judith Wittwer verabredet, der einen Hälfte der Chefredaktions-Doppelspitze der SZ. Der Eindruck von ProQuote: Diese Chefredaktion will Dinge anders machen, als sie bisher oft gemacht wurden. In Sachen Diversitätsförderung braucht es in München noch Ideen, man sei sehr aufgeschlossen für neue Wege.

In der halbjährlichen Leitmedien-Rangliste lag die SZ zuletzt bei 39 Prozent - Platz 5 und damit nur im Mittelfeld der neun gezählten Medien. Doch vor zehn Jahren, als ProQuote Medien gegründet wurde, hatte die SZ gerade mal vier Prozent Frauen in Führung. 

Beim Spiegel traf der PQ-Vorstand unter anderem Thorsten Dörting, Mitglied der Chefredaktion. Seit einiger Zeit zähle der Spiegel genau nach, wie viele Frauen in den jeweiligen Ausgabenzu Wort kämen. Obwohl sich die Redaktion vorgenommen hat, häufiger Expertinnen zu zitieren und mehr Interviews mit Frauen zu führen, sei der Männerüberschuss kaum geschrumpft, so der Spiegel selbst. Der Verlag testet weiter, auch wo die Leser*innen mitgehen: Obwohl es großen Aufschrei gab, als das Magazin zu gendern begann, seien weder Verkäufe noch Abos abgesackt. 

Das Nachrichtenmagazin kommt inzwischen auf einen Frauenmachtanteil von 42 Prozent.

Ein Treffen bei Bild, Welt und Focus kam nach Angaben von ProQuote nicht zustande.

Ein "Vielfalts-Vorbild" ist die taz. Dort sagte die stellvertretende Chefredakteurin Katrin Gottschalk: "Dass Frauen bei uns so mächtig sind, ist Ergebnis eines Dreiklangs." Die taz habe seit 1980 eine Quoten-Tradition, schon seit den 90er Jahren Frauen in Machtpositionen, auch in der Chefredaktion, und unterstütze Frauen, etwa Coaching wenn sie neu in Führung kommen. Zuletzt lag der Frauenmachtanteil, also die nach Führungsebene gewichtete Quote, bei 64,2 Prozent.

Das Fazit von ProQuote-Medien-Vorstandschefin Edith Heitkämper fällt so aus:

"In den zehn Jahren seit der Gründung von ProQuote hat sich sehr viel verändert." In allen Leitmedien gebe es inzwischen mehr Frauen in Führungspositionen. In vielen Chefredaktionen gebe es zudem ernsthafte Pläne, mehr Vielfalt zu schaffen auch jenseits der reinen Frauenquote. "Aber es ist noch Luft nach oben. Wir geben nicht auf, zählen weiter und haken nach. Wenn eine Redaktion Fragen hat, soll sie sich bei uns melden. Wir helfen gern."

Hintergrund: Seit 2012 zählt und vergleicht der gemeinnützige Verein ProQuote Medien die Frauenanteile in journalistischen Führungspositionen. Die Zählungen erfolgen auf Grundlage der Print- und Online-Impressen, wobei nach Hierarchie-Ebenen gewichtet wird: Je höher die Position, desto größer die Machtfülle. Der Verein wird von Frauen und Männern unterstützt, die hinter der Forderung von ProQuote Medien stehen:  Die Hälfte der journalistischen Spitzenpositionen soll weiblich besetzt werden.

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