Warum Steingart Relotius feiert - und was andere Medienprofis zu seinem Wechsel in die Werbewelt sagen

17.01.2023
 

Es ist das große Mediengesprächsthema der vergangenen 48 Stunden: Spiegel-Fälscher Claas Relotius arbeitet jetzt als Werbetexter für den Werbe-Giganten Jung von Matt. Gabor Steingart hat die Personalie in seinem Newsletter groß aufgegriffen - und auch andere Medienprofis kommentieren den Wechsel.

"Jeder Topf hat seinen dazugehörigen Deckel. Manchmal braucht es nur ein wenig Zeit, bis dieser gefunden ist. Augenscheinlich ist das dem ehemaligen Spiegel-Reporter Claas Relotius nun im zweiten Anlauf gelungen", schreibt Steingart in seinem Newsletter "The Pioneer Briefing" am Dienstag.

Steingart erinnert daran, dass Relotius ein gestörter Verhältnis zur Wahrheit gehabt habe. Vier Jahre nach dem Medienskandal wage der 37-jährige nun den Schritt zurück in die Berufswelt. Zuvor hatte die Bild berichtet, dass Relotius als Werbetexter bei Jung von Matt angefangen habe.  

Relotius sei damit endlich im richtigen Beruf gelandet. In der Werbung werde auch mit Sprache gearbeitet, aber die Wahrheit spiele eben nur eine Statistenrolle. "Wenn das kein Happy End ist: Der Topf hat seinen Deckel gefunden", schließt Steingart.

Auch andere Medien- und Kommunikationsprofis kommentieren den Wechsel:

Hubert Spiegel schreibt im FAZ-Feuilleton:

"[...] Nun aber soll Relotius, wie zu hören ist, einen neuen Job gefunden haben. Dass er weiß, wie man die Bedürfnisse einer Zielgruppe analysiert, hat er bewiesen, als er seinen Vorgesetzten beim Spiegel gab, was sie von ihm verlangten. Vermutlich deshalb dürfte jene Werbeagentur Relotius angeworben haben, die erfolgreich die Unwahrheit verbreitet hat, dass Geiz geil sei. Ist Relotius also dort angekommen, wo er hingehört?

Vom Schriftsteller Walser stammt die kühne Behauptung: 'Zu träumen genügt.' Der neue Arbeitgeber von Relotius dürfte da ganz anderer Ansicht sein: Man muss die Träume anderer auch verkaufen. Claas Relotius hat als Verfasser von Werbetexten nun die Gelegenheit, Literatur und Werbung, Wirklichkeitsbeschreibung und Wirklichkeitserfindung miteinander zu versöhnen. Er sollte ausschließlich Werbesprüche für solche Produkte verfassen, die er sich selbst ausgedacht hat.

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Claudia Reinhard sieht in dem Relotius-Wechsel ein gutes Zeichen für den Journalismus: Dass der berühmteste Reporterfälscher aller Zeiten mitbringe, was ein Werbetexter brauche, daran bestehe kein Zweifel: "Bei den Jurys diverser Journalistenpreise sorgte er in der Vergangenheit mit seinen erfundenen Zeilen für Begeisterungsstürme, und der Berufsethos in der Werbewelt dürfte Relotius eher entsprechen als jener, den Leser und Leserinnen von Journalisten erwarten", so Reinhard in der Berliner Zeitung. Generell sollte man ihrer Meinung nach von moralischen Bewertungen absehen, sowohl in Bezug auf Relotius' Verfehlungen als Journalist als auch im Hinblick auf seinen neuen Job. Reinhard findet, man sollte sich für Relotius eher freuen, dass er in der PR-Branche sicher viele Menschen mit Erfahrung auf diesem Gebiet treffen werde, die zum Austausch bereitstünden. "Und auch wenn Claas Relotius am Ende doch nur ein kerngesunder Betrüger sein sollte, so kann man eine andere klare Botschaft begrüßen, die der Jobwechsel ja auch beinhaltet: Journalismus und Werbung gehören getrennt!", betont Reinhard.

Mediensprecher Oliver Classen meint auf Twitter: "Was für eine Pointe: Der legendäre Lügenbaron wechselt in die (der Wahrheit ja auch nicht sonderlich verpflichteten) Werbebranche. #Relotius"

Alf Frommer schlägt in die gleiche Kerbe: "Relotius arbeitet jetzt als Texter für die Werbeagentur Jung von Matt. Storytelling hatte er ja immer schon gut drauf...und da Werbung ja immer etwas lügt: Perfect Match!!!"

Für Julius Betschka vom Tagesspiegel ist die Bild-Meldung, "dass der große Fälscher Claas Relotius nun angeblich in der bekanntesten deutschen Werbeagentur anfängt, natürlich ein interessanterer Kommentar zur eigenen Arbeit als der Agentur lieb sein kann".

Der Journalist und Podcaster Tilo Jung titelt auf Twitter: "Lügenreporter heuert in der Manipulationsbranche an".

Der Campaginer Imran Ayata kann über den neuen Job von Claas Relotius nicht lachen. Er sieht ein "Scheißzeichen für unsere Branche".

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