Selbst- und Fremdbild von Medienprofis: Sehen mich andere, wie ich wirklich bin?

 

Viele Medienprofis halten sich für falsch beurteilt. Langfristig ist es sowohl schädlich, unter- wie überschätzt zu werden. Sie werden entweder gar nicht erst befördert oder kommen in Positionen, in denen sie scheitern müssen. Mediencoach Attila Albert sagt, was Sie tun können, um richtig gesehen zu werden.

Ein Redakteur arbeitete seit dem Volontariat bei derselben Zeitung, war inzwischen Mitte 30, aber noch immer unsicher, was seine Stärken waren und wohin er wollte. Er hatte sich lange erhofft, von seinem Arbeitgeber angesprochen und zum Redaktionsleiter befördert zu werden. Aber das geschah nie. Er wusste, dass es unter anderem daran lag, dass er in Konferenzen meist schwieg und Präsentationen mied, um sich nicht etwa vor anderen zu blamieren. Nur blieb er damit blass und unbeachtet. Gleichzeitig leistete er gute Arbeit und war anerkannt. Warum sah nur niemand auch so, welches Potenzial noch in ihm steckte?

Wie werde ich von anderen wahrgenommen, verstehen sie, wie ich wirklich bin? Es gibt wohl keinen Medienprofi, der sich diese Fragen nicht gelegentlich gestellt hat. Selbst- und Fremdbild sind nie ganz in Einklang zu bringen. Gleichzeitig sollten sie nicht zu weit auseinander liegen. Denn es schadet langfristig, unter- wie auch überschätzt zu werden: Sie werden gar nicht erst befördert oder kommen in Positionen, in denen Sie scheitern müssen. Wenn Sie den Eindruck haben, dass andere Sie nicht so sehen, wie Sie wirklich sind, sollten Sie folgende drei Möglichkeiten darauf prüfen, welche auf Sie zutrifft.

Fall 1: Sie schätzen sich falsch ein

Es ist möglich, dass Sie sich falsch einschätzen, selbst zu niedrig oder zu hoch bewerten. Beispiele hierfür: Sie treten bescheidener auf, als es Ihren Fähigkeiten und Leistungen entspricht, oder verfolgen ein berufliches Ziel, das gar nicht zu Ihrem Profil passt. Hinweise darauf sind regelmäßige Kritik von anderen oder andererseits gut gemeinte Ratschläge, sich anders zu verhalten, etwa Ihre Leistungen stärker herauszustellen.

Holen Sie hier die Einschätzung einer vertrauenswürdigen, fachkundigen Person ein, die neutral zu Ihnen steht (z. B. Mentor, Berufsberater, Coach). Auch eine Stärke- und Potenzialanalyse oder fachliche Prüfung, wo es sich anbietet, sagt Ihnen objektiv, wo Sie wirklich stehen und was Sie verbessern könnten. Tipp: Verstehen Sie das nie als Urteil über sich als Mensch, sondern immer nur über einzelne Aspekte und Kompetenzen.

Fall 2: Andere schätzen Sie falsch ein

Ebenso kann es sein, dass andere Sie falsch einschätzen. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben: Sie haben bisher meist verborgen, wie Sie wirklich sind und was Sie tatsächlich können (z. B. aus Unsicherheit) - oder Ihr Gegenüber kann oder will es nicht erkennen. Typisches Beispiel hier: Sie haben jung in einer Redaktion angefangen und werden weiter behandelt wie ein Berufsanfänger, obwohl Sie längst keiner mehr sind.

Bemühen Sie sich in diesem Fall, sich schrittweise offener und ehrlicher als bisher zu zeigen (z. B. in Konferenzen häufiger etwas zu sagen, auch wenn Sie das anfangs ängstigt). Beginnen Sie bei einigen Vorgesetzten und Kollegen, die Sie ermutigen und bestärken, langsam dann auch in größeren Runden. Keine Sorge, Sie müssen dafür nicht perfekt sein. Tipp: Üben Sie Situationen und Gespräche, die Sie fürchten, vorab.

Fall 3: Sie sind im falschen Umfeld

Möglicherweise schätzen Sie sich korrekt ein, werden auch von anderen richtig gesehen, kommen aber wegen der Umstände nicht weiter (z. B. wegen der Firmenpolitik oder der aktuellen Situation in Ihrer Abteilung). Beispiel: Sie haben eine Beförderung verdient, wären dafür auch bereit und würden sich gut weiterentwickeln. Aber es gibt keine passende freie Führungsposition - oder aus firmenpolitischen Gründen erhält sie jemand anders.

Versuchen Sie hier möglichst konkret zu definieren, wo die Diskrepanz zwischen Ihnen und Ihrem Umfeld liegt. Ist Ihr Netzwerk zu klein? Haben Sie unterschiedliche Überzeugungen und Werte, auch wenn das nicht offen ausgesprochen wird? Passen der Umgangston und -stil gar nicht zu Ihnen? So wissen Sie, worauf Sie bei der nächsten Stelle besser achten. Tipp: Wenn Ihnen ein Werte-Arbeitsblatt weiterhilft, sende ich es Ihnen gern. 

Nicht wahllos nach Feedback fragen

Grundsätzlich gibt es keinen allgemeingültigen Standard, wie Sie als Arbeitnehmer oder Freiberufler sein sollten. Je nach Vorgesetzten, Kollegen und Unternehmenskultur wird man Sie unterschiedlich bewerten. Beispiel: Wenn Sie ein eher stiller Mensch sind, werden manche Ihre Bescheidenheit und Zurückhaltung loben, andere Sie als langweilig empfinden oder ganz übersehen. Ein Teil Ihrer persönlichen Entwicklung ist es also, sich zu einem gewissen Grad an das Gefragte anzupassen, andererseits herauszufinden, wohin Sie am besten passen und wo Sie am erfolgreichsten arbeiten können, so wie Sie sind.

Denken Sie dabei allerdings nie, dass es ausschließlich auf Ihre Qualifikationen und Leistungen ankommt. Auch Aussehen und Auftreten zählen. Beispiel: Kommen Sie mit Mitte 30 noch sehr studentisch und sozial unbeholfen daher, wird man Ihnen eventuell keine höhere Führungsaufgabe mit Personal- und Budgetverantwortung anvertrauen. Zögern Sie im Zweifel nicht, sich in diesen Fragen beraten zu lassen (z. B. von einem Stylisten oder Konversationstrainer). Niemand sollte sich verkleidet fühlen und als ob er eine Rolle spielen würde, aber wissen, wie der eigene Stil sich angemessen mit der Situation vereinbaren lässt. 

Wenig empfehlenswert ist es, wahllos nach Rückmeldungen zu fragen. Viele Kommentare verraten Ihnen mehr über die Sehnsüchte, Projektionen und Frustrationen anderer als über sich. Aber es sollte ein, zwei Vertrauenspersonen geben, deren Einschätzung Sie glauben und deren Ratschläge Sie annehmen. Für die Zukunft kann Ihnen folgende kleine Übung helfen: Beschreiben Sie in einem kleinen Text möglichst konkret, wie Sie in 1-2 Jahren sein wollen - Beruf, Freizeit, Lebenssituation. Bringen Sie aus Ihrer aktuellen Lage ein, was Sie behalten wollen. Alles andere kann zunächst Fantasie sein. Überlegen Sie danach: Was fehlt Ihnen zu diesem Ideal, wie könnten Sie ihm näherkommen?

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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