Mediensenator Brosda zur G+J-Entscheidung: Ich hoffe, Bertelsmann ist sich seiner Verantwortung bewusst

31.01.2023
 

Der Mediensenator Carsten Brosda adressiert im Interview mit dem Hamburger Abendblatt einen deutlichen Appell an RTL und Bertelsmann und sagt, warum das Verlagshaus Gruner +Jahr für Hamburg so eine große Bedeutung hat.

Gruner + Jahr sei immer ein ganz besonderer Verlag gewesen, unterstreicht Carsten Brosda im Interview mit Matthias Iken vom Hamburger Abendblatt (Funke). Iken, stellvertretender Chefredakteur beim Abendblatt, fragt den Mediensenator, was ein mögliches Ende von G+J als Teil von RTL für Hamburg bedeuten würde:

"Es wird etwas verändern, wenn es so kommen sollte. Noch ist es offen, noch wird geprüft, und noch können wir hoffen, dass alle ihrer Verantwortung gerecht werden. Wie es weitergeht, wissen wir aber nicht." Schon die Umfirmierung der Marke Gruner + Jahr zu RTL sei eine Zäsur gewesen und sei noch nicht verarbeitet. "Auch wir beide sprechen noch von Gruner + Jahr, niemand spricht von RTL Deutschland, wenn er an den Baumwall denkt", sagt Brosda in dem Gespräch.

Der SPD-Politiker schaut nach Frankreich, wo sich Gruner + Jahr 2021 von seinem gesamten Magazingeschäft getrennt hat. "Diese Ausgliederung im Ganzen hat offensichtlich ein profitables und gesundes Unternehmen geschaffen. Insofern habe ich die Hoffnung, dass Bertelsmann, wenn es sich gegen die Weiterführung entscheiden sollte, den Verlag als Gesamtes veräußert, weil das die Chance bietet, diese besondere Verlagskultur doch noch in die Zukunft zu führen", so Brosda.

Der Hamburger Mediensenator hofft, dass man bei der RTL-Mutter Bertelsmann "die Bedeutung journalistischer Produkte sieht":

"[...] Aber selbst wenn es ökonomisch nicht die erwünschte Rendite abwirft, brauchen wir diese Leistung: Journalismus stellt eine Öffentlichkeit her, schafft Informationsangebote, hält mit Debatten und Diskurs unsere Gesellschaft kommunikationsfähig. Es ist wichtig, dass das auch privatwirtschaftlich organisiert wird. Ich hoffe sehr, dass dies in den Entscheidungsprozessen eine Rolle spielt."

Die Politik müsse Rahmenbedingungen schaffen, in denen Medien ökonomisch funktionieren könnten. Brosda nennt als Beispiel die präzise Zustellförderung von Zeitungen. Man könne aber nicht staatsinterventionistisch handeln: "Medien sollen den Staat kontrollieren und müssen unabhängig vom Staat bleiben. Deshalb scheidet das Modell Hapag-Lloyd aus, das ist verfassungsrechtlich undenkbar. Dabei hat Gruner + Jahr für den Medienstandort Hamburg eine ähnliche Bedeutung wie Hapag-Lloyd für den Hafen."

Brosda appelliert in dem Interview mit dem Hamburger Abendblatt an Bertelsmann, dass es auch weiterhin den Anspruch habe, als ganzes Unternehmen und nicht nur mit der eigenen Stiftung seiner gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Brosda ist sich zudem sicher, dass verlegerische Produkte eine Zukunft haben werden. Das gelte ganz besonders auch für die G+J-Titel. "Das sind starke Marken, die jeder kennt und für die so ziemlich die besten Journalisten arbeiten, die wir im Land haben." Eine Marke wie Geo werde noch lange am Kiosk Käufer finden. Deshalb befürchtet Brosda auch keinen großen Aderlass für den Medienstandort Hamburg insgesamt. "Vielleicht bleibt alles zusammen. Niemand spricht über Verlagerung. Ich glaube, dass die kreative Kraft bleiben wird."

Hintergrund: RTL hatte zum Jahreswechsel 2021/22 die Magazinsparte des Verlagshauses - beide Unternehmen gehören zum Bertelsmann-Konzern - in sein Portfolio integriert und will mehr Synergien schaffen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass das Titelportfolio überprüft wird. Bekannte Zeitschriften von Gruner + Jahr sind zum Beispiel Stern, Geo, Brigitte und Schöner Wohnen.

Ein Sprecher von RTL Deutschland sagte in der vergangenen Woche: "Die Analyse des Titelportfolios läuft. Ergebnisse stehen noch nicht fest, sie sind für das erste Quartal 2023 geplant und werden dann entsprechend kommuniziert. Es finden keine Verkaufsgespräche statt." Zu Spekulationen über einzelne Titel äußerte sich der börsennotierte TV-Konzern nicht.

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe hatte im vergangenen September verkündet: "Das Magazingeschäft steht beispielsweise aktuell besonders unter Druck. Darum werden wir das Titelportfolio überprüfen und nur solche Titel mit RTL zusammenführen, die wirklich synergetisch sind."

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