Der kress-Jahresrückblick 2008 - Teil vier: Zittern und Zentralisieren in der TV-Branche.

29.12.2008
 

Der kress-Jahresrückblick 2008 - Teil vier:  Zittern und Zentralisieren in der TV-Branche Der vorweihnachtliche Blick aus Hollywood nach Deutschland gibt Anlass zur Sorge. Den Vertriebskräften der großen Studios ist nicht verborgen geblieben, dass einer ihrer Hauptkunden hierzulande mit Schulden und Negativ- Schlagzeilen kämpft. ProSiebenSat.1 ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 160 Mio Euro nur noch einen Bruchteil seiner Output-Deals mit Disney, DreamWorks, MGM, Paramount, Sony Pictures oder Warner Bros. wert. Eine ungewöhnliche Situation. ProSiebenSat. 1-Vertreter versuchen, die internationalen Programmhändler zu besänftigen. Ihre Botschaft: Die Gruppe befindet sich mitten in einer Neuaufstellung, nach der das operative Geschäft wesentlich besser laufen wird. Der Aufräumer des Jahres, Andreas Bartl (Foto), bis Mai noch ProSieben-Geschäftsführer, seither Chef der German Free TV Holding und seit Juni auch Vorstandsmitglied, hat alles auf eine Karte gesetzt – Zentralisierung. Die Zitterpartie des Jahres, die Vereinigung des Jahres, das Comeback des Jahres und die Schrumpfnummer des Jahres lesen Sie nach dem Umblättern.

Der kress-Jahresrückblick 2008 - Teil vier:

 

Zittern und Zentralisieren in der TV-Branche

Der vorweihnachtliche Blick aus Hollywood nach Deutschland gibt Anlass zur Sorge. Den Vertriebskräften der großen Studios ist nicht verborgen geblieben, dass einer ihrer Hauptkunden hierzulande mit Schulden und Negativ- Schlagzeilen kämpft. ProSiebenSat.1 ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 160 Mio Euro nur noch einen Bruchteil seiner Output-Deals mit Disney, DreamWorks, MGM, Paramount, Sony Pictures oder Warner Bros. wert. Eine ungewöhnliche Situation. ProSiebenSat. 1-Vertreter versuchen, die internationalen Programmhändler zu besänftigen. Ihre Botschaft: Die Gruppe befindet sich mitten in einer Neuaufstellung, nach der das operative Geschäft wesentlich besser laufen wird. Der Aufräumer des Jahres, Andreas Bartl (Foto), bis Mai noch ProSieben-Geschäftsführer, seither Chef der German Free TV Holding und seit Juni auch Vorstandsmitglied, hat alles auf eine Karte gesetzt – Zentralisierung.

 

Etliche Belange steuern die German-Free-TV-Manager bereits zentral für die Sender Sat.1, ProSieben, kabel eins und N24, weitere werden folgen. Bis Juni 2009 soll Sat.1 von Berlin nach Unterföhring umgezogen sein. Bis zu 350 Arbeitsplätze werden verlegt, 225 Stellen gestrichen.

 

Auch wenn es für Sat.1-Mitarbeiter mit Büro in Gendarmenmarkt-Nähe unangenehm ist und der Betriebsrat gar die Bundeskanzlerin um Hilfe gebeten hat – der Schritt ist unausweichlich. Besser wäre er wohl schon vor Jahren erfolgt. Die im Jahr 2000 vollzogene Fusion von Sat.1 und ProSieben ist in vielen Köpfen bis heute nicht angekommen. Die Berliner machen noch immer gern bei jedem Problem "die in München“ verantwortlich.

 

Man hätte für den profilierten Hauptstadtsender Sat.1 kämpfen können – wenn er nicht längst all sein Profil verloren hätte. Ob Berlin-Mitte oder Unterföhring- West ist dem Zuschauer ohnehin egal. Bartls Strategie ist also nicht verkehrt: Mit Sat.1, ProSieben und kabel eins unter einem Dach kann er nicht nur Kosten sparen, sondern auch eine klarere Abstimmung der Sender erreichen.

 

Die German Free TV Holding ist 2008 zum neuen Gravitationszentrum im Konzern geworden. Sie steuert Strategie und Entwicklung, Marketing und Programmeinkauf. Den Senderchefs bleiben die Rollen von besseren Abteilungsleitern, die ihre Programme abspielen.

 

Die entscheidende Frage für ProSiebenSat.1 müssen 2009 jedoch die Werbekunden beantworten. Rund 5 % Werbemarktanteil – in absoluten Zahlen etwa 100 Mio. Euro – hat die Gruppe 2008 durch eigenes Verschulden mit ihrem missglückten Vermarktungsmodell verloren.

 

Die Wettbewerber fürchten nun, dass Hoffnungsträger Klaus-Peter Schulz, seit September Vorstand Sales & Marketing, mit aggressiven Rabatten um Marktanteilspunkte kämpfen könnte.

 

Die Zitterpartie des Jahres

 

Auf der anderen Straßenseite in Unterföhring hat Premiere die Zitterpartie des Jahres durchgemacht. Erst kam ein neuer Hauptgesellschafter – Rupert Murdochs News Corp. kaufte zwischen Januar und Mai ein Viertel der Anteile zusammen. Dann ging ein deutscher Vorstand nach dem anderen. CEO Michael Börnicke prognostizierte noch im Juni den höchsten Kundenzuwachs in der Unternehmensgeschichte, im September löste Murdoch-Mann Mark Williams ihn ab und deckte auf, dass rund 1 Mio zahlende Pay-TV-Kunden weniger vorhanden waren, als die kreative Premiere-Buchhaltung vorgab.

 

Dass die Signori Giovanni Brunelli, Marcello Maggioni und Gaetano Pannito sowie die erfahrene Programmmanagerin Nicola Bamford die Top-Posten neben Williams übernommen haben, ist kein schlechtes Zeichen. Gelingt ihnen eine ähnliche Sanierungs- und Erfolgsgeschichte wie bei Sky Italia und BSkyB, kann Premiere glücklich sein.

 

Noch ist das Problem der Überschuldung bei den Banken nicht gelöst. Aber immerhin braucht Premiere nicht mehr um die Bundesliga-Rechte zu zittern. Sogar ein zusätzliches Live-Spiel am Samstag um 18.30 Uhr ist ab 2009 mit im Paket. Für neue Spannung sorgt zum Jahresende die Frage: Was hat Berlusconi vor? Seine Fininvest-Holding hat 3 % der Premiere-Anteile gekauft.

 

Die Vereinigung des Jahres

 

Um den Sendern und der Politik mit einer Stimme zu begegnen, haben Deutschlands Produzenten im März die Vereinigung des Jahres vollzogen. Aus drei getrennten Verbänden entstand die Allianz Deutscher Produzenten – Film und Fernsehen. Faire, zeitgemäße Terms of Trade sind das Ziel der Allianz. Aus einer längst vergangenen Zeit, in der nur zwei Sender – ARD und ZDF – ihre Aufträge verteilten, stammt noch immer das Standardmodell der Auftragsproduktion mit Gewinnaufschlag, das den Produzenten wenig bis gar keine Rechte lässt.

 

Mit fast 100 Mitgliedern sind alle wesentlichen Film- und Fernsehpro duzen - ten in der Allianz organisiert. Acht Monate nach der Gründung fand sich auch ein hauptamtlicher Geschäftsführer: Der frühere baden-württembergische Staatsminister Christoph Palmer – angesehen in der Branche, verdrahtet in der Politik – vertritt die Allianz nach außen hin.

 

Der Trend zur Konsolidierung des Produktionsmarkts hielt auch 2008 munter an: ITV/Granada übernahm Kromschröder & Pfannenschmidt und Imago TV, Eyeworks die Cologne-Gemini-Gruppe, und ProSiebenSat.1 ließ mit der neuen In-House-Tochter Red Seven Entertainment bei etlichen Auftragnehmern rote Alarmlampen aufleuchten.

 

Das Comeback des Jahres

 

Das Comeback des Jahres legte bemerkenswert diskret ein Mann hin, der der deutschen TV-Branche jahrelang gefehlt hat: Josef Andorfer. Der visionäre, streitbare Ex-RTL II-Chef kümmert sich seit September um den aufstrebenden Kleinsender Das Vierte – als Berater für Programm, Produktion, Marketing und Kommunikation. Da der kalte Kündigungskrieg mit seinen Ex-Gesellschaf tern nach drei Jahren noch immer tobt, wäre operative Verantwortung für ihn heikel.

 

Seine alten Stärken kann Andorfer auch so ausspielen. Aus München ist zu hören, dass bereits etliche neue Formate in der Mache sind, darunter auch die "Big Brother“-Weiterentwicklung "Der Goldene Käfig“ aus der Kreativschmiede von John de Mol.

 

Noch ist Das Vierte ein Spielfilm- und Seriensender, doch das soll sich nächstes Jahr ändern. Der russische Medienunternehmer Dmitri Lesnevsky hat ihn NBC Universal im Juni abgekauft und große Hoffnungen geweckt, indem er ein ernst zu nehmendes Vollprogramm versprach.

 

Die Schrumpfnummer des Jahres

 

So wäre es auf jeden Fall die bessere Richtung als bei MTV Networks. Weil die internationalen Renditevorgaben einen härteren Sparkurs erforderten, wurde die deutsche Viacom-Tochter zur Schrumpf nummer des Jahres. Aus vier macht man drei Free-TV-Sender, Comedy Central wird zum Abendprogramm auf der Nick-Frequenz. Wie aus Mangel an Strategie, Fantasie und Geld die starke US-Marke Comedy Central – Heimat von "South Park“, Jon Stewart oder Sarah Silverman – hierzulande verhunzt wurde, kann man nur eine Schande nennen.

 

Catherine Mühlemann, MTV-Deutschlandchefin seit 2001, wollte die neuerlichen Einschnitte nicht mehr mitmachen und ging. Nun führt Nordeuropa-Chef Dan Ligtvoet auch den Berliner Laden.

Torsten Zarges

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