Der kress-Jahresrücklick, Teil 5: Das TV-Programm - eine schallende Ohrfeige für Qualität.

30.12.2008
 

Der kress-Jahresrücklick, Teil fünf: Das TV-Programm - eine schallende Ohrfeige für Qualität Zehn Minuten Wutausbruch hatten die versammelten deutschen Fernsehbosse in Atem gehalten: Marcel Reich-Ranickis flammende, notgedrungen ungerechte und vor allem schlecht vorbereitete Strafpredigt gegen die Programmverflachung hat dem "Deutschen Fernsehpreis“ am 11. Oktober ungeahnte Aufmerksamkeit beschert, für lang anhaltendes Rascheln im Blätterwald gesorgt – und die so Gescholtenen weitgehend kalt gelassen. 2008 war kein Jahr, in dem die Fernsehsender durch besondere Innovationen oder mutige Programm- Coups auffielen. Stattdessen haben sie erfolgreich und bieder den Mangel an Ideen verwaltet. Lesen Sie auf der nächsten Seite die Sonnenblume, die Schatten-Morelle,  die welke Rose, das Vergissmeinnicht und das Mauerblümchen des TV-Programms 2008. 

Der kress-Jahresrücklick, Teil fünf:

Das TV-Programm -
eine schallende Ohrfeige für Qualität

Zehn Minuten Wutausbruch hatten die versammelten deutschen Fernsehbosse in Atem gehalten: Marcel Reich-Ranickis flammende, notgedrungen ungerechte und vor allem schlecht vorbereitete Strafpredigt gegen die Programmverflachung hat dem "Deutschen Fernsehpreis“ am 11. Oktober ungeahnte Aufmerksamkeit beschert, für lang anhaltendes Rascheln im Blätterwald gesorgt – und die so Gescholtenen weitgehend kalt gelassen. 2008 war kein Jahr, in dem die Fernsehsender durch besondere Innovationen oder mutige Programm- Coups auffielen. Stattdessen haben sie erfolgreich und bieder den Mangel an Ideen verwaltet. Lesen Sie auf der nächsten Seite die "Sonnenblume", die "Schatten-Morelle",  die "welke Rose", das "Vergissmeinnicht" und das "Mauerblümchen" des TV-Programms 2008.

 

Die Sonnenblume

 

Mit einem Marktanteil von 16,9 % hat RTL 2008 wenig falsch, aber eben auch nur weniges originell gemacht. Der größte Vorteil der Kölner ist, dass dank der fast schon zwanghaften Starre des Programmschemas jedes Kind genau weiß, ob wieder "Bauer sucht Frau“-Montag, "Dr. House“-Dienstag, "Die Super Nanny“- Mittwoch oder "CSI“-Donnerstag ist. Die Stars 2008 waren demnach auch jene von 2007 – Hugh Laurie alias "Dr. House“, Christian Rach alias "Rach – der Restauranttester“, Peter Zwegat ("Raus aus den Schulden“), Katharina "Die Super Nanny“ Saalfrank und natürlich Inka Bause, die bereits zum vierten Mal der Landliebe Vorschub leisten durfte. Kleinere Schönheitsflecken im ansonsten makellosen Programmablauf wurden rasch wegoperiert ("Die Anwälte“) oder erfolgreich umplatziert ("Die Gerichtsmedizinerin“). Störenfriede von außen werden erfolgreich abgewehrt: So war es für Tanja Szewczenko ("Alles was zählt“) nun wirklich kein Problem, im August die Sat.1-Herzensdame Jeanette Biedermann ("Anna und die Liebe“) eiskalt wegzubeißen.

 

Die Schatten-Morelle

 

Es war der unsportliche Höhepunkt eines bewegten Sportjahrs: Für 18 Minuten Bild- und Tonstörung grinste während der EM-Halbfinalübertragung am 25. Juni zeitweise lediglich ein frustrierendes Standbild mit dem ZDF-Reporter Bela Réthy vom Bildschirm. Die hochdramatischen Szenen auf dem Spielfeld und das Tor von Miroslav Klose zum 2:1 waren für die 29,46 Mio Zuschauer lediglich ein ungewohntes Hörfunkerlebnis. Dennoch blieb ausgerechnet die Pannenpartie das reichweitenstärkste Spiel der Meisterschaft, das Endspiel gegen Spanien wollten nur mehr 25,96 Mio Fans vor den heimischen Bildschirmen sehen. Neue Zuschauerrekorde wie bei der WM 2006 gab’s für ARD und ZDF diesmal nicht. Auch die Olympischen Spiele standen für die Öffentlich-Rechtlichen unter einem schlechten Stern. Größter Aufreger im Programm war die Tatsache, dass sich die 7,72 Mio Zuschauer der spektakulären Eröffnungsfeier geprellt fühlten, als nachträglich bekannt wurde, dass die süße kleine Sängerin gar nicht selbst trällerte und Teile des Feuerwerks technisch manipuliert worden waren. Eins steht jedenfalls seit Juni fest: Nach der Skandaltour 2008 wird es keine öffentlich-rechtlichen Live-Opern von der Tour de France mehr geben – auch wenn der Ausstieg teuer bezahlt ist.

 

Die welke Rose

 

Da konnte auch die geistesgegenwärtige Altenpflege beim "Deutschen Fernsehpreis“ nicht mehr helfen: Thomas Gottschalks Samstagabend-Klassiker "Wetten, dass..?“ ist definitiv angezählt. Tiefpunkt der Quotentalfahrt war die Show aus Berlin, die am 10. November nur mehr 9,68 Mio Zuschauer ab 3 Jahren sehen wollten. Schlechter lief bislang nur die glücklose Sommershow aus Mallorca 2007. Die Geier kreisen bereits: Die alte Regel, dass es aussichtslos ist, große Familienshows gegen den ZDF-Supertanker zu programmieren, ist seit 2008 aufgehoben. Selbst im eigenen Haus läuft sich die Konkurrenz warm: Lothar Lanz startete mit dem Testballon für seine Freitagsshow "Das will ich wissen!“ am 21. November recht erfolgreich (4,08 Mio Gesamtzuschauer). Fester Bestandteil des Show-Marathons wird seit dem mundgeblasenen Triumphmarsch von Michael Hirte natürlich auch "Das Supertalent“. Hier schalteten sich mit 6,14 Mio die meisten Zuschauer wie bei der EM bereits zum Halbfinale ein. Auch die ARD sucht weiter krampfhaft nach dem Show-Superstar. Der Test mit Frank Plasberg in der NDR-Sendung "Die klügsten Kinder im Norden“ verlief im Frühjahr Erfolg versprechend. Zum Jahresausklang bekommt der Polit-Talker daher erstmalig sogar eine Samstagabend- Show – einen Jahresrückblick. Weniger Fortune hatte der Kollege Gerhard Delling: Seine Magazinsendung "Dellings Woche“ wird zum Jahresende wieder eingestellt – angeblich wegen des "überdurchschnittlichen Aufwands“.

 

Das Vergissmeinnicht

 

Auch Profis werden mal schwach: Die Identitätskrise der Sender zog 2008 weite Kreise, besonders hart traf die Unsicherheit über den eigenen Kurs ProSieben. Eine schallende Ohrfeige für alle, die sich um echte Qualitätsarbeit beim Sender bemühten, waren die desaströsen Quoten für den ambitionierten Zweiteiler "Der Seewolf“, dessen Finale am 25. November nicht einmal 2 Mio Zuschauer sehen wollten (Zielgruppen-Marktanteil: 8,0%). Gut möglich, dass der von vielen Kritikern gefeierte und im Feuilleton breit besprochene Film einfach auf dem falschen Sender lief und etwa bei den Öffentlich-Rechtlichen ein Dreifaches eingespielt hätte. Der Trend, dass viele ProSieben-Stammseher den Sender einfach nicht mit ARD oder ZDF verwechseln wollten, zeichnete sich bereits im Sommer ab. Hier bescherte die Reihe mit guten Filmproduktionen aus Deutschland Flops in Serie. Highlights wie "Der rote Kakadu“, in Szene gesetzt von Star-Regisseur Dominik Graf, fanden bei ProSieben nur 730.000 jüngere Zuschauer. Eine ähnliche Bauchlandung – nur mit verkehrten Vorzeichen – erlebte die ARD: Weil die ambitionierte Serie "Die Anwälte“ in der ersten Folge im Januar lediglich 10,7% Marktanteil erzielte, verkaufte RTL sie in einem Husarenstück an die ARD. Doch die Verwandlung einer Privat-TV-Serie in öffentlich-rechtliche Qualitätsware wollten die Zuschauer ebenfalls nicht mitmachen. Auf ihrem neuen Sendeplatz dümpelt die Montagsserie zuletzt nur knapp über 3% Zielgruppen- Marktanteil. ProSieben hat jedenfalls aus allerlei Qualitätsexperimenten seine Lehren gezogen: Wenn gar nichts funktioniert, kommen eben wieder "Die Simpsons“ in die Primetime. Oder ein neues Comedy-Programm mit Michael Mittermeier.

 

Das Mauerblümchen

 

Auch viele TV-Kritiker erlebten beim Fernsehprogramm 2008 bittere Aha-Erlebnisse. Dass "Damages“ mit Glenn Close eine der besten Serien ist, die das US-Fernsehen seit Jahren hervorgebracht hat, darüber waren sich fast alle einig. Nur die kabel eins-Zuschauer wollten die komplex strukturierte Serie einfach nicht sehen – was kabel eins im Januar einen desaströsen Monatsmarktanteil von 5,2% einbrachte. Ähnlich gestrickt war der Fall "Eli Stone“: Die herzerwärmende, intelligente ProSieben-Serie erwies sich als Kritikers Liebling, das Publikum strafte sie mit einstelligen Marktanteilen in der Primetime ab. Auch der teamworx-Serie "Unschuldig“ mit Alexandra Neldel hatten noch vor ihrem Start im April viele eine glänzende Zukunft vorhergesagt. Dem Missverhältnis zwischen Anspruch, Wirklichkeit und Heuchelei setzte allerdings ausgerechnet die ARD die Krone auf. Kurz vor Ausstrahlung von "Das Musikhotel am Wolfgangsee“ am 18. Oktober ließ in einem Interview ausgerechnet einer der Darsteller – und noch dazu der nicht immer über alle Untiefen erhabene Sascha Hehn – die Bombe platzen: Der Film sei billig produziert, ein Hartz-IV-Programm und unprofessionell ausgeführt. "Ich mähe lieber für 15 Euro irgendwem den Rasen, bevor ich mich in meinem Beruf lächerlich mache“, polterte Hehn im "Focus“. Marcel Reich-Ranicki hätte nicht schöner geschimpft!

Rupert Sommer

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