Neue ZDF-Sonntagsfilmreihe: "Märchen für Erwachsene".

30.04.2009
 rs
 

ZDF-Redaktionsleiterin Hempel im kress-Interview: Neue Herz-Schmerz-Reihe am Sonntag Das Fernweh der Mainzer ist ungebrochen: Am Sonntag, 3. Mai, startet auf dem 20:15-Uhr-Sendeplatz im ZDF mit "Sehnsucht nach Neuseeland" eine neue Herz-Schmerz-Reihe mit Verfilmungen nach der US-Beststellerautorin Emilie Richards. Heike Hempel (Foto), Hauptreaktionsleiterin Unterhaltung-Wort, ergänzt so das bisherige Angebot an Rosamunde-Pilcher- und Inga-Lindström-Schnulzen. Im Interview mit kress.de verteidigt sie die aufwändigen Vorzeigeproduktionen gegen Klischee-Vorwürfe. "Der Zuschauer hat sonntags um 20:15 Uhr mit dem ZDF eine romantische Verabredung", beteuert sie. Außerdem erklärt sie, wie die häufig bekrittelte Filmreihe modernisierte werden soll und deutet an, wie die neue ZDF-Telenovela "Alisa – Folge deinem Herzen" auf Trab gebracht werden könnte. Den Einwand, dass sie mit seichten Komödien den etablierten Mittwochsspielfilm-Sendeplatz der ARD-Kollegen attackiert, weißt sie zurück. Doch was der "Tatort" einfach besser macht als die ZDF-Filme, erfahren Sie nach dem Umblättern.

ZDF-Redaktionsleiterin Hempel im kress-Interview:

 

Neue Herz-Schmerz-Reihe am Sonntag

Heike HempelDas Fernweh der Mainzer ist ungebrochen: Am Sonntag, 3. Mai, startet auf dem 20:15-Uhr-Sendeplatz im ZDF mit "Sehnsucht nach Neuseeland" (Foto unten) eine neue Herz-Schmerz-Reihe mit Verfilmungen nach der US-Beststellerautorin Emilie Richards. Heike Hempel (Foto links), Hauptreaktionsleiterin Unterhaltung-Wort, ergänzt so das bisherige Angebot an Rosamunde-Pilcher- und Inga-Lindström-Schnulzen. Im Interview mit kress.de verteidigt sie die aufwändigen Vorzeigeproduktionen gegen Klischee-Vorwürfe.

 

Sehnsucht nach Neuseeland (ZDF)Heike Hempel übernahm den Posten als Chefin der Hauptredaktion Unterhaltung Wort am 1. Januar 2008 von Claus Beling, der für das ZDF weiterhin als Redakteur, vor allem für die "Traumschiff"-Reihe zuständig ist und den Kontakt zu Erfolgsproduzent Wolfgang Rademann hält. Hempel, die zuvor die Fernsehspiel-Redaktion leitete und dabei auch für "Das kleine Fernsehspiel" zuständig war, ist in ihrer neuen Funktion neben den Sonntagsfilmen auch für ZDF-Vorabendserien wie "Die Rosenheim-Cops" oder die Telenovela "Alisa – Folge deinem Herzen" zuständig.   

 

kress.de: Frau Hempel, welche neuen Akzente wollen Sie mit der Spielfilmereihe nach Emilie Richards am Sonntagabend setzen? Hempel: Frau Richards ist nicht nur eine erfolgreiche Autorin, sie ist auch ausgebildete Familientherapeutin. In ihren Büchern geht es um das ganze moderne Gefühlswirrwarr, vor der Kulisse des deutschen Sehnsuchtsziels Neuseeland. Das hat uns natürlich gereizt. Das Ergebnis sind schöne, romantische und wirklich moderne Filme für den Sonntag.

 

kress.de: Was heißt denn „modern“ in diesem Zusammenhang – die Filme verkörpern doch ein recht altbackenes Menschenbild?

Hempel: Finden Sie denn, dass sich die Menschheit gefühlstechnisch groß weiterentwickelt hat? Ein Stoff wie "Romeo und Julia" ist doch auch heute noch aktuell. Es geht bei romantischen Filmen um ein menschliches Bedürfnis, sich Geschichten erzählen zu lassen. Wie Kinder brauchen eben auch die Erwachsenen Märchen. Die müssen natürlich auch spannend und interessant sein, also etwas mit der heutigen Zeit zu tun haben, vor allem im Hinblick auf die Frauenfiguren. Das finden sie in den Filmen nach Emilie Richards.

 

kress.de: Braucht man für so etwas überhaupt die Texte von Bestseller-Autoren? Können Ihnen solche Geschichten nicht auch deutsche Drehbuchautoren schreiben?

Hempel: Doch und das tun sie ja auch fleißig. Inga Lindström ist ja eine geniale Erfindung von Christiane Sadlo. Wir lieben deutsche Wertarbeit, sind aber auch weltoffen, wie unsere Zuschauer.

 

kress.de: Muss es beim ZDF aber immer an exotische Orte gehen, und wenn’s nur die schroffe Küste Cornwalls ist?

Hempel: Finden Sie Wales so exotisch? Aber gut, der Sonntag ist unser Reisetermin, innerhalb Europas wie über die sieben Meere. Das entspricht der Erfahrung und Erwartung des Publikums, das ja auch längst die Welt kennt und das mit Ferne nicht nur den Schwarzwald assoziiert, wie noch meine Großmutter.

 

kress.de: Werden Sie an der Marke „Pilcher“ festhalten, auch wenn Frau Pilcher selbst keine neue Romane mehr schreibt?

Hempel: Ja. Ich bin ein großer Pilcher-Fan, und ich würde mich sehr freuen, wenn wir noch viele Pilcher-Geschichten im ZDF erzählen können.  

kress.de: Sie wollen auf dem Sendeplatz am Sonntag durch den Einsatz neuer Reihen also keine alten Zöpfe abschneiden?

Hempel: Ich strebe eine Mischung aus Klassikern und Newcomern an. Gemeinsam mit den Kollegen schauen wir uns sehr genau an, was am Sonntag Abend passen könnte, denn natürlich verändern sich auch die Sehbedürfnisse  unserer Zuschauer. 60-jährige sind heute nicht mehr „alt“, sie haben die Welt umreist.

 

kress.de: „Zuschauer um die 60 Jahre“: Ist das die erwartete Zielgruppe für den Sonntagabend oder gibt es Bestrebungen, das Publikum für den Sendeplatz zu verjüngen?

Hempel: Wer heute um die Sechzig ist, war 1968 um die zwanzig. Die sind nicht mehr mit den Senioren aus den Kinderbüchern zu vergleichen, so mit Weste und immer im Sessel. Diese Gruppe gut zu unterhalten ist gar nicht so leicht. Wenn noch ein paar andere, Jüngere und Ältere dazu kommen, ist es mir natürlich auch recht.

 

kress.de: Dem „Tatort“ in der ARD ist die Verjüngung längst gelungen. Warum begeistern dort die verschiedenen neuen Ermittlerteams, aber auch die klassischen Teams ein junges Publikum?

Hempel: Der Zuschauer hat sonntags um 20:15 Uhr mit dem ZDF eine romantische Verabredung! Das können Sie nicht mit dem „Tatort“ vergleichen. Der ist in etwa vergleichbar mit unseren Krimireihen am Samstag. Gleichwohl denke ich aber, dass man auch das Genre Melodram weiterentwickeln kann, indem man auch hier überraschende erzählerische Momente, vertieft erzählte Figuren und eine Portion Humor oder Lebensnähe miterzählt.

 

kress.de: Hand auf Herz: Wenn man wie Sie vom „Kleinen Fernsehspiel“ kommt, welchen Schauder jagen Ihnen denn die ZDF-Sonntagsfilme privat über den Rücken?

Hempel: Schauder des Vergnügens natürlich. Andere Arten von Schauder jagen mir ganz andere Programme über den Rücken, nicht die Sonntagsfilme, die ja für die ganze Familie gemacht sind. Ich sehe die oft  mit meiner Tochter und meinem Mann und es macht uns immer großen Spaß. Aber ich bin ja nicht nur dafür zuständig: Diese Hauptredaktion umfasst ja fiktionale Unterhaltung in allen Formaten, das ist in Europa einmalig. Von der Telenovela zum historischen Mehrteiler, vom Krimi zum Melodram, vom Traumschiff zum Raumpiloten Ijon Tichy reicht unser Spektrum.

 

kress.de: Was planen Sie denn an großen TV-Events?

Hempel: Ich setzte natürlich meine Arbeit bei der Entwicklung von Mehrteilern wie „Dresden“, „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ „Das Wunder von Berlin“ bis hin zu den „Krupps“ hier fort. Unter anderem mit „Vom Glück nur ein Schatten“ zum Buch von Uwe-Carsten Heye. Dafür ist Maria Furtwängler in der Hauptrolle vorgesehen. Außerdem verfilmen wir gerade den Thriller „Eisfieber“ des Bestsellerautoren Ken Follet, im nächsten Jahr folgen dann die „Pfeiler der Macht“. Außerdem wird gerade mit unserer Beteiligung die „Sisi“ neu verfilmt. Im Herbst strahlen wir den „Seewolf“ mit Sebastian Koch in der Hauptrolle aus und Anfang des nächsten Jahres „Das Geheimnis der Wale“, ein bewegendes Umweltschutzdrama in zwei Teilen mit Veronica Ferres.

 

kress.de: Wie sehr schmerzt es Sie trotzdem, wenn Filme wie die ZDF-Sonntagsromanzen oder die ARD-Degeto-Filme stellvertretend für die Kritik am öffentlich-rechtlichen System herhalten müssen? Werden hier nicht mit Gebührengelder Groschenromane verfilmt?

Hempel: Das ist das alte deutsche Missverständnis, nach dem sich Aufklärung und Unterhaltung ausschließen. In Wahrheit lernen und erfahren wir sehr viel in Geschichten, auch in romantischen Geschichten, denken sie an Jane Austen. Im Übrigen legt das auch die Hirnforschung nahe: Meditieren hilft, zu leben und zu denken. Das können Sie recht gut in den Foren etwa zu unserer Telenovela „Alisa“ lesen: Dort wird ganz konkret über die in der Serie angesprochenen Probleme diskutiert, also Wie hätte ich mich verhalten? Was hätte er oder sie anders machen sollen? Da haben Sie eine praktische Auseinandersetzung, die die Zuschauer mehr einbezieht und beschäftigt, als so mancher Appell aus der Paulskirche. Und daraus erwächst uns auch eine ganz besondere Verantwortung, da ist öffentlich-rechtliches Engagement gefragt. Hier zeigt sich, was für ein Sender wir sind.

 

kress.de: Sind Sie mit der bisherigen Resonanz der Zuschauer auf „Alisa – Folge deinem Herzen“ zufrieden?

Hempel: Die Marktanteile gehen stetig nach oben. Wir erhalten viel Zuspruch in den Foren und in unserem Online-begleitenden Angebot. Mit  jedem Telenovela-Neustart geht die Quote zunächst nach unten, dann müssen die Zuschauer neu begeistert werden. Die tägliche Erzählung wird an Dramatik rund um die Hauptfigur zulegen, dann schalten sicher noch mehr ein.

 

kress.de: Beim jüngeren Publikum unter 50 Jahren liegen Sie derzeit bei rund 6 Prozent Marktanteil. Ist damit Ihr Wunschtraum schon erfüllt? Hempel: Meine Wunschträume beziehen sich zum Glück nicht auf Fernsehquoten.

 

kress.de: Die Kollegen von Sat.1 hatte sich mit „Anna und der Liebe“ sicher mehr erwartet. Ist bei den Telenovelas insgesamt die Luft raus? Hempel: Im Gegenteil. Telenovelas sind in Deutschland – im Vergleich zu unseren südamerikanischen Kollegen- ein junges Genre. Da baut sich etwas auf. Es gibt ein Bedürfnis danach, Geschichten in 240 Folgen zu verfolgen. Alles was in unserem Land so los ist, kann man mit dem Provinzort Schönroda, in dem Alisa lebt, miterzählen – von Streiks beim mittelständischen Betrieb, bis hin zu Lohnkürzungen und Kurzarbeit. „Alisa“ ist die Serie für die Zeit der Krise.

 

kress.de: Für einen Moment musste man eben an die ARD-Vorabendserie „Eine für alle – Frauen können’s besser“ denken. Wandern jetzt all die Themen, die die Zuschauer in den Nachrichten erschrecken, in die täglichen Serien?

Hempel: In den Serien verlieren diese Themen ihren Schrecken, aber nicht ihren Ernst. Darum sind die ja so wertvoll.

 

kress.de: Schauplatzwechsel: Ihnen wird immer wieder vorgeworfen, dass Sie mit ihren Filmen auf dem Sendeplatz 20.15 Uhr am Mittwoch die ARD-Kollegen mit deren ernsteren Problemfilmen ärgern. Absicht?

Hempel: So leicht sind die nicht zu ärgern, schon gar nicht mit unseren drei oder vier Filmen im Halbjahr, die in der Regel dann gesendet werden, wenn die ARD Fußball bringt.

 

kress.de: Trotzdem war wohl nicht durch Zufall die leichte ZDF-Komödie „Liebe ist Verhandlungssache“ am 15. April ausgerechnet gegen den ARD-Film zum Leben von Marcel Reich-Ranicki gesetzt.

Hempel: Das sehen Sie falsch. Wir müssen unser Programm ja autonom gestalten, das ist kompliziert genug. Uns noch mit den 16 ARD Anstalten abzustimmen, das würde uns endgültig überfordern.

 

kress.de: Wie sieht denn Ihre Zusammenarbeit mit „Traumschiff“-Erfinder Wolfgang Rademann aus? Haben Sie Angst, dass er eines Tages einmal die Hand in den Schoß legen und keine Sonntags- und Festtagsfilme mehr produzieren könnte?

Wolfgang Rademann wird nie die Hände in den Schoß legen.

Interview: Rupert Sommer

 rs

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