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22.06.2001


Ein "Phänomen" - ein "großer Sportsmann" und ein

 

Ein "Phänomen" - ein "großer Sportsmann" und ein "großer Verleger": G+J-Aufsichtsratschef Gerd Schulte Hillen, 60, sparte bei seiner Laudatio zum 90. Geburtstag von Paul Pietsch nicht mit Lob. Der Aufmarsch zum Festakt in...



 
 
ter Staatsgalerie war gewaltig: Nicht nur Familie und Weggefährten des Motor-Presse Gründers liefen auf, sondern auch eine beachtliche Anzahl prominenter Manager der deutschen Automobilindustrie. Beachtlich war auch das Aufgebot des Mitgesellschafters Gruner + Jahr. Neben Schulte-Hillen und Ehefrau Irene auch Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann, 56, und der Chef persönlich: Dr. Bernd Kundrun, 43, dessen Situation im Augenblick keine besonders glückliche ist.Trotz Dementi wird ein Verkauf der "Berliner Zeitung" weiterbetrieben (siehe auch Seite 10). Was heisst: Kundrun muss vollstrecken, was in Gütersloh entschieden wird. Ihn deswegen ins mediale Messer laufen zu lassen, wirft auf dem Mutterkonzern kein gutes Licht. Auch nicht auf Bertelsmann-Boss Dr. Thomas Middelhoff, 48. Dessen freundschaftliche Bande zu Kundrun wohl einen schwer zu kittenden Schaden erlitten haben. Zeit, sich an eine alte Bismarcksche Maxime zu erinnern: Läuft's schlecht in der Innenpolitik, lenke mit außenpolitischen Erfolgen ab. Auf Kundrun und G+J bezogen: Läuft's schlecht im eigenen Haus, glänze mit auswärtigen Verlagserfolgen. Gut, dass man gerade in Stuttgart war. Die Erhöhung des G+J-Anteils bei der Motorpresse - und eine mögliche Mehrheits-beteiligung - steht schon länger auf dem Wunschzettel. Und hat durch die Berliner Ereignisse eine unerwartete Eigendynamik entwik-kelt: Nach kress-lnformationen steht eine Einigung in den nächsten Wochen unmittelbar bevor. Kundrun, so heisst es aus Stuttgarter und Hamburger Verlagskreisen, habe ein vitales Interesse, die Angelegenheit so schnell wie möglich zu erledigen. Was ihn ungewohnt kompromissbereit gemacht habe. Anders wäre der gordische Verlagsknoten - die verschiedenen Gesellschafterkulturen waren nur auf dem Papier kompatibel - nicht zu durchschlagen gewesen. Bleibt abzuwarten, ob sich alle am Ende dem biografischen Resümee der Verlegerpersönlichkeit Paul Pietsch anschließen werden: "Ist doch alles gut gelaufen." Jose Redondo-Vega Irgendwas mit Autos wollte der junge Mann aus Freiburg schon immer machen. Jetzt ist er neunzig Jahre alt und macht noch immer was mit Autos und anderen Dingern, die einen Drive drauf haben, alles in allem unter dem Dach der Verlagsgruppe Motor-Presse Stuttgart. Paul Pietsch, Diplomkaufmann, gelernter Bierbrauer, Autorennfahrer und Verleger seit 55 Jahren, ist keine Legende, sondern ein Mann aus Fleisch und Blut. Und sein Auto fährt er immer noch selber. Ein Jahr nach Kriegsende, kurz nach Entlassung aus Gefangenschaft, mit den Freunden Ernst Troeltsch und Josef Hummel in eine Trümmerlandschaft eine Zeitschrift namens "Das Auto" zu gründen, grenzte an Wahnsinn. Das Umfeld hieß Hunger und Not, kein Papier zum Drucken, und schon gar kein Benzin. Was "Das Auto" überleben ließ, war der Traum, die Hoffnung auf eine Zeit mit Autos, die Freiheit versprachen. Geld blieb knapp bei den Jungverlegern. Und als 1951 der Würzburger Vogel-Verlag drohte, seine erfolgreiche Vorkriegszeitschrift "Motor und Sport" wiederzubeleben, nahmen die Freiburger die Würzburger lieber als Partner auf. Nun konnte "auto, motor und sport" loslegen und in Folge auch die Expansion des Verlags und seiner Ableger über alle Grenzen hinweg. Partner Troeltsch war früh gestorben, Partner Hummel ausgeschieden. Klug holte der weltläufige P.P. tüchtige Männer in die Geschäftsführung, zuerst Ralf Hoffmann, seit 1990 Dr. Frieder Stein, 53. Gruppenumsatz heute: 704 Millionen Mark. Auch die Pietsch-Kinder,die eines Tages Erben sein werden,haben ihren Platz im Unternehmen und tragen Verantwortung: Tochter Dr. Patricia Scholten leitet die Paul Pietsch Verlage (Bücher), Sohn Peter-Paul Pietsch den Geschäftsbereich Motorrad, Luft- und Raumfahrt, Transport und Verkehr. P.P., der Dickbrettbohrer: Die Zeitschrift "Motorrad" zog er geduldig durch, als sich "kein Mensch" mehr für Motorräder interessierte, und die Geduld hat sich gelohnt. Der Unterstützer des Gemeinnutzes: 1971 schenkte Pietschs Verlag der Rettungsdienst-Stiftung Björn Steiger den ersten Notarztwagen, Vorbild für alle, die heute 24 Stunden im Einsatz sind. Über private Spenden, auch an andere gemeinnützige Werke, spricht P.P. nicht. Sicher ist, es liegt ein Segen auf den neunzig Jahren. Günther Kress

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